Spaziergang mit Landrat Thomas Ebeling in der Höllohe (2): Von Energiepreisen, Migration und Müllöfen
Spaziergang mit Landrat Thomas Ebeling in der Höllohe (2): Von Energiepreisen, Migration und Müllöfen
Wir verlassen die Volieren, blicken über den Weiher in der alten Kiesgrube. Vom Ufer hat man einen guten Blick über das Gelände – und es passt zur nächsten Frage: Wie viel Weltpolitik steckt im Landkreis Schwandorf? „Mehr, als man denkt“, sagt Ebeling. Und man merkt: Jetzt wird es weniger idyllisch, mehr strukturell.
Wenn die Weltwirtschaft im Geldbeutel klingelt
„Das Thema Energiepreise ist ein sehr gutes Beispiel“, sagt der Landrat. „Das spürt man privat im Geldbeutel – aber natürlich auch bei den Firmen.“ Gerade energieintensive Betriebe hätten ihre Produktionskosten „durch die Decke gehen“ sehen. Und wenn ein Betrieb Personal abbaut oder gar Insolvenz anmeldet, sei das kein abstraktes Diagramm, sondern eine konkrete Nachricht im Landkreis.
Schwandorf habe sich bislang robust gezeigt, betont Ebeling. Rekord-Gewerbesteuereinnahmen 2025. Aber:
Das heißt nicht, dass es keine Insolvenzen gibt oder keine Entlassungen. Es heißt nur, dass die Gesamtstruktur stabil ist.
Landrat Thomas Ebeling
Migration: Zwischen Arbeitsmarkt und Alltag
Das zweite große Thema ist Migration. Nicht als Schlagwort, sondern als Verwaltungsrealität. „2015, nach Corona, nach dem Ukrainekrieg – wir mussten Unterkünfte schaffen“, erinnert Ebeling. Und das sei organisatorisch und finanziell eine enorme Herausforderung gewesen. Doch er differenziert: „Integration betrifft nicht nur Flüchtlingsbewegungen oder Asylbewerber.
Sie betrifft auch Arbeitsmigration.“ Pflege, Handwerk, Produktion – ohne Menschen aus dem Ausland würde vieles nicht mehr funktionieren. Gleichzeitig sei Integration kein Automatismus. Es gebe Beispiele, wo es gut funktioniere – und andere, wo trotz guten Willens Strukturen fehlten. „Viele unterschiedliche Kulturkreise kommen zusammen. Das unter einen Hut zu bringen, ist nicht ganz einfach.“
Missing link: Zwischen Idee und Umsetzung
Ich werfe das Beispiel einer gut gemeinten Ausbildungsinitiative ein, bei der es am Ende an der Anschlussverwendung fehlt. Viel politischer Wille, aber keine strukturelle Verankerung. Ebeling nickt vorsichtig.
Das Problem ist oft die Detailfrage. Wer bezahlt? Wer ist zuständig? Welche Rechtsgrundlage gilt?
Landrat Thomas Ebeling
Und dann kommt der Satz, der hängen bleibt: „Manchmal fehlt der letzte Schritt.“ Es ist kein Vorwurf, eher eine Beschreibung der administrativen Wirklichkeit. Gute Ideen müssen durch Zuständigkeiten, Budgets, Paragrafen – und manchmal bleiben sie dort stecken.
Resilienzprojekt Müllkraftwerk: Phönix aus der Asche?
Spätestens jetzt verlassen wir die Theorie. Ich spreche das Projekt „Triphönix“ an – den Ausbau des Müllkraftwerks. „Das Müllkraftwerk ist ein sehr wichtiger Faktor für die Wärmeversorgung der Stadt Schwandorf“, sagt Ebeling. Tatsächlich speist es eines der größten Fernwärmenetze Bayerns. Die Abwärme aus der Müllverbrennung ersetzt fossile Brennstoffe.
Drei der vier Ofenlinien seien am Ende ihrer Lebensdauer angekommen. „Wir ersetzen sie durch zwei neue, etwas größere Linien. Damit sichern wir Entsorgung und Wärmeversorgung.“ Hier wird Verwaltung strategisch. Müll ist kein Reststoff, sondern Rohstoff. Energie nicht nur Kostenfaktor, sondern Standortvorteil.
Versorgungssicherheit als Standortpolitik
Resilienz bedeutet für Ebeling nicht nur Notstromaggregate und Krisenpläne, sondern Infrastruktur, die auch in unruhigen Zeiten trägt. „Wenn wir kostengünstige Wärme haben, weil der Brennstoff sowieso anfällt, dann substituieren wir fossile Energien“, sagt er.
Man hört den pragmatischen Kommunalpolitiker, der weiß: Versorgungssicherheit ist ein Argument, wenn Unternehmen über Standorte entscheiden. Gerade in Zeiten globaler Krisen. Erst dreht Russland den Gashahn zu, jetzt schaut die Wirtschaft mit gebanntem Blick auf den US-Angriff auf den Iran und befürchtete Reaktionen des Regimes: die Straße von Hormus als Nadelöhr für 20 Prozent der weltweiten Ölexporte.
Zwischen Pfaffensteiner Tunnel und 20-Minuten-Takt
Das Gespräch schwenkt zum öffentlichen Nahverkehr. Die Zugverbindungen Richtung Regensburg – ein Dauerbrenner. „Ein 20-Minuten-Takt wäre ideal“, sagt Ebeling. Realistisch sei das nicht überall, aber zumindest perspektivisch ab Maxhütte-Haidhof Richtung Regensburg. Die Reaktivierung der Strecke von Burglengenfeld nach Maxhütte-Haidhof sei auf gutem Weg.
Warum das wichtig ist? „Wenn der Pfaffensteiner Tunnel saniert wird, brauchen wir Alternativen zur Straße.“ Hier zeigt sich das Spannungsfeld zwischen Wunsch und Machbarkeit. Ländlicher Raum ist kein urbaner Taktfahrplan – aber auch kein Abstellgleis.
Hacker, Drohnen, Blackout
Zurück zur Bedrohungslage. „Das wahrscheinlichste Szenario eines Stromausfalls ist ein Hackerangriff“, sagt Ebeling nüchtern. Man tue alles Menschenmögliche – Zertifizierungen, Übungen, Notstromkonzepte. Aber 100-prozentige Sicherheit gebe es nicht.
Es ist ein Wettlauf.
Landrat Thomas Ebeling
Drohnen über sensiblen Einrichtungen? Bislang kein Thema im Landkreis. Aber man beschäftige sich mit solchen Szenarien. Resilienz ist also kein Schlagwort, sondern ein Dauerzustand.
Politik zwischen Fakt und Fiktion
Bevor wir wieder ins Idyll abtauchen, ein Abstecher in die große Weltpolitik. Wie geht man mit einem öffentlichen Diskurs um, in dem Zahlen und Fakten nach Belieben manipulierbar scheinen? „Das treibt mich um“, sagt Ebeling. „Wenn erst entschieden wird, ob man für oder gegen etwas ist – und dann sucht man sich die passenden Fakten – das macht mir Sorgen.“
Ein Patentrezept hat er nicht. Nur die Hoffnung, dass vor Ort noch gilt: reden, prüfen, abwägen. Vielleicht ist das die unspektakulärste, aber wirksamste Form von Gegenwehr.
Teil 3 folgt: Bürokratie zwischen Max Weber und Glühweinstand – über Führungsstil, Favoritenrolle und die Frage, wie man in aufgeheizten Zeiten auf Faktenkurs bleibt.
Energie & Infrastruktur im Landkreis Schwandorf
Müllkraftwerk Schwandorf („Phönix“)
- Teil der regionalen Entsorgungs- und Energieinfrastruktur
- speist eines der größten Fernwärmenetze Bayerns
- Ersatz alter Ofenlinien durch zwei neue, leistungsfähigere Anlagen
- Ziel: Entsorgungssicherheit + fossile Energie substituieren.
ÖPNV-Perspektive
- Aktuell im Schnitt 30-Minuten-Takt ab Schwandorf Richtung Regensburg
- Perspektive: Verdichtung auf 20-Minuten-Takt in Teilabschnitten
- Reaktivierung Richtung Hof als strategisches Ziel
- Bedeutung steigt mit Sanierung des Pfaffensteiner Tunnels.
Risikolage & Resilienz
- Notstromkonzepte im Landratsamt
- regelmäßige Krisenübungen
- steigende Bedeutung von IT-Sicherheit.




