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Wie schon Babys lernen, mit Stress umzugehen - Fachtag der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Weiden. Das Baby schreit und lässt sich nicht beruhigen. Es schläft nicht, isst schlecht. Das bringt Eltern an ihre Belastungsgrenze. Aber genau an dieser Stelle lernen Kinder, wie sie später mit Stress, Frust und Krisen umgehen. „Frühkindliche Regulationsstörungen“ – das war das Thema eines Fachtags, organisiert von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weiden.

Weiden. Das Baby schreit und lässt sich nicht beruhigen. Es schläft nicht, isst schlecht. Das bringt Eltern an ihre Belastungsgrenze. Aber genau an dieser Stelle lernen Kinder, wie sie später mit Stress, Frust und Krisen umgehen. „Frühkindliche Regulationsstörungen“ – das war das Thema eines Fachtags, organisiert von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weiden.
Mehr als 350 Fachkräfte kamen zum Fachtag über frühkindliche Regulationsstörungen in die Max-Reger-Halle in Weiden. Wegen der großen Nachfrage musste die Veranstaltung in einen größeren Saal verlegt werden. Foto: Christine Ascherl

Wie schon Babys lernen, mit Stress umzugehen - Fachtag der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Offenbar traf das Thema einen Nerv: Über 350 Fachkräfte waren gekommen. Darunter waren Sozialpädagogen der Jugendämter genauso wie Hebammen, Kinderärzte und Erzieher. Es wurde eine Warteliste geführt und sogar noch in den größeren Saal der Max-Reger-Halle gewechselt. Die Referenten waren hochkarätig und hatten Inhalte dabei, die auch Eltern auf den Nägeln brennen, etwa „Smartphone in Babyhand“.

„Das entscheidet sich sehr viel früher“

„Ich bin sehr überrascht, dass so viele Leute da sind“, sagte Bezirkstagspräsident Franz Löffler zur Begrüßung. Für ihn beginnt die Frage nach einer stabilen Gesellschaft genau hier: „Wir wissen heute mehr denn je, dass das ganz früh losgeht.“ Ob ein Mensch im Leben stabil sei, entscheide sich nicht erst mit 20 Jahren. „Das entscheidet sich so früh, dass Eltern das manchmal gar nicht wahrhaben wollen.“

Organisiert hatte den Fachtag Dr. Christian Rexroth, Ärztlicher Direktor der neuen medbo-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weiden. Der Unterstützungsbedarf ist groß: Man geht von bis zu 8.000 Kindern bis 3 Jahre in der Oberpfalz aus, die Regulationsauffälligkeiten zeigen (20 Prozent). Wichtig sind laut Rexroth verlässliche Beziehungen: Kinder brauchen Bezugspersonen, um Bindung und Affektregulation aufzubauen.

Früh helfen, bevor Familien an ihre Grenzen kommen

Dr. Harald Britze, Leiter des Bayerischen Landesjugendamtes, begrüßte seine zahlreichen Kollegen aus den bayerischen Jugendämtern. Er machte deutlich, wie schnell Familien an ihre Belastungsgrenzen kommen, wenn Babys schreien, nicht essen oder schlafen wollen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Koordinierenden Kinderschutzstellen (KoKi). Sie beraten Familien niedrigschwellig und vermitteln weiter.

Selbstkontrolle kann man lernen

Prof. Dr. Sabine Walper stellt die Leopoldina-Stellungnahme „Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen stärken“ von 2024 vor. Selbstregulation bedeutet, das eigene Verhalten, Gedanken und Gefühle steuern zu können. Die Grundlagen werden schon im ersten Lebensjahr gelegt. Babys brauchen zunächst Erwachsene, die ihnen helfen, sich zu beruhigen. Einfühlsamkeit und Geduld der Eltern können helfen, frühe Regulationsstörungen zu überwinden.

Im Kindergartenalter wird Selbstkontrolle immer wichtiger. Das zeigt der Marshmallow-Test: Ein Kind bekommt eine Süßigkeit. Widersteht es der Versuchung, erhält es später zwei. Auch Aufgaben zu erledigen, die keinen Spaß machen, erfordert Selbstkontrolle. Und die zahlt sich aus: Kinder mit hoher Selbstkontrolle haben laut einer Langzeitstudie später im Durchschnitt weniger gesundheitliche und finanzielle Probleme, erleben weniger Trennungen und werden seltener straffällig.

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Doch wie lässt sich Selbstregulation fördern? Risikofaktoren sind Armut und Belastungen der Eltern. Schutz bieten ein stabiles familiäres Umfeld, gute Nachbarschaft und medizinische Versorgung. Entscheidend sei die Feinfühligkeit der Eltern, gerade in Stresssituationen. Das bedeute aber nicht, ständig eingreifen zu müssen. Walper verwies auf 47 Studien, die positive Effekte durch die Förderung sozialer Fähigkeiten und körperliche Übungen wie Yoga zeigen. Besonders wirksam sei es, wenn Kinder selbst Entscheidungen treffen, Aktivitäten gestalten und Herausforderungen meistern dürfen.

Erziehungsberater: 400 bayerische Kinder sind „unbeschulbar“

Dr. Simon Meier, Leiter der Regensburger Erziehungsberatungsstelle und fachlicher Sprecher der zehn Erziehungsberatungsstellen der Katholischen Jugendfürsorge (KJF), zeigte, wie weit die Folgen gestörter Bindungen reichen können. Er unterschied zwischen unsicherer Bindung, Bindungsdesorganisation und einer massiven Bindungsstörung.

Wie drastisch sich eine Bindungsdesorganisation äußern kann, zeigte Meier an zwei Extremen. Manche Kinder übernehmen das Kommando in der Familie. Sie bestimmen, was es zu essen gibt. „Der haut auch die Mama“, schilderte Meier. In Schule oder Kindergarten ist das Kind oft noch aggressiver. „Das Gute ist: Die werden in der Psychiatrie vorstellig.“ Spätestens wenn „ein Kind einem anderen die Gabel in die Backe sticht“, wird professionelle Hilfe gesucht. Bei Mädchen zeige sich häufiger das Gegenteil: Sie kümmern sich übermäßig, gelten als besonders sozial. Gerade diese Kinder würden leicht übersehen.

Meier schilderte drastische Folgen von Bindungsstörungen. Nach seinen Angaben gibt es in Bayern inzwischen mehr als 400 Kinder, die dauerhaft vom Schulbesuch ausgeschlossen sind. Sie gelten als „nicht beschulbar“. Vor Corona seien es etwa 120 bis 130 gewesen. Besonders häufig betreffe das Erst- und Zweitklässler.

Smartphone in Babyhand

Dr. Julia Berkic vom Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz warnte davor, kleine Kinder regelmäßig mit dem Smartphone zu beruhigen. Kinder müssten lernen, mit Wut, Frust und Langeweile umzugehen. Dafür brauchen sie die Unterstützung von Erwachsenen. Ein Handy könne diese nicht ersetzen. Ihr Vortrag hieß „Baby oder Smartphone im Blick? Mediennutzung in der frühen Kindheit“. Ihre Erkenntnisse zur Smartphone-Nutzung von Eltern und Kleinkindern sind alarmierend (ausführlicher Bericht folgt).

Mehr als 350 Fachkräfte kamen zum Fachtag über frühkindliche Regulationsstörungen in die Max-Reger-Halle in Weiden. Wegen der großen Nachfrage musste die Veranstaltung in einen größeren Saal verlegt werden. Foto: Christine Ascherl
Dr. Christian Rexroth, Ärztlicher Direktor der medbo-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Amberg | Cham | Weiden, begrüßt die Teilnehmer des Fachtags. Er hatte die Veranstaltung zu frühkindlichen Regulationsstörungen organisiert. Foto: Christine Ascherl
Beim „Markt der Möglichkeiten“ stellten Beratungsstellen und Einrichtungen ihre Unterstützungsangebote für Familien vor. Foto: Christine Ascherl
Dr. Christian Rexroth, Ärztlicher Direktor der medbo-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Amberg- Cham-Weiden, begrüßt die Teilnehmer des von ihm organisierten Fachtags. Foto: Christine Ascherl
Der „Markt der Möglichkeiten“ bringt beim Fachtag in Weiden Beratungs- und Unterstützungsangebote für Familien zusammen. Foto: medbo KU / Johannes Müller
Bezirkstagspräsident Franz Löffler spricht über frühe Unterstützung und vernetzte Versorgung in der Oberpfalz. Foto: medbo KU / Johannes Müller