Echo-Interview mit BHS-Corrugated-Geschäftsführung: Wenn wir nichts machen, wird das existenziell
Echo-Interview mit BHS-Corrugated-Geschäftsführung: Wenn wir nichts machen, wird das existenziell
Was bedeutet die Neuausrichtung konkret für die Beschäftigten?
Christian Engel: Wir haben in der Betriebsversammlung unseren Sozialplan weltweit bekannt gegeben. International trennen wir uns von rund 15 Prozent der Mitarbeiter, in Deutschland von nicht ganz zehn Prozent. Konkret sprechen wir von 110 Beschäftigten, die in eine Transfergesellschaft wechseln, um nicht in die Arbeitslosigkeit entlassen zu werden.
Nach welchen Kriterien gehen Sie dabei vor?
Christian Engel: Wir müssen leider Projekte einstellen, die wir uns geleistet haben, als es uns noch sehr gut ging. Und Projekte, bei denen wir nicht schnell genug zu Ergebnissen kamen. Die Arbeitsplätze in diesen Abteilungen sind betroffen.
Sind die Mitarbeiter bereits informiert?
Manfred Riedl: Die betreffenden Personen wurden über die Personalmaßnahmen informiert – soweit sie erreichbar sind und nicht etwa im Krankenstand.
Wenn wir nichts machen, wird das existenziell.
Christian Engel
Gleichzeitigkeit der Krisen & strukturelle Ursachen
Viele sprechen von einer „Gleichzeitigkeit der Krisen“. Teilen Sie diesen Eindruck?
Christian Engel: Wir erleben tatsächlich eine epochale Zeitenwende. Geopolitische Spannungen, Krieg, internationaler Wettbewerb – vor allem aus China – treffen gleichzeitig auf strukturelle Veränderungen in unseren Märkten. Das ist herausfordernd, aber es ist auch ein Weckruf. Wer jetzt nicht handelt, verspielt seine Zukunft.
Ist die Investitionszurückhaltung Ihrer Kunden in diesem Kontext nicht nur vorübergehend?
Christian Engel: Nein. Das ist kein temporäres Phänomen, sondern ein strukturelles Post-Corona-Investitionsproblem. Besonders im Neumaschinengeschäft sehen wir deutliche Rückgänge. Die berühmte Schachtel ist nicht leer – aber sie ist eben auch nicht mehr voll.
Wo spüren Sie die größten Brüche – in China, in den USA, in Europa?
Christian Engel: Leider überall. In China herrscht ein extrem hoher Wettbewerbsdruck, weshalb wir unsere globale Präsenz in Service und Vertrieb massiv ausbauen. Die USA bleiben für uns ein zentraler Markt, auch wenn politische Entwicklungen dort zusätzliche Unsicherheit bringen. Unser Fokus liegt klar auf der Profitabilität unserer Kunden – weltweit. Better, cheaper, faster.
Geopolitik, Weltordnung und Industriepolitik
In der Versammlung haben Sie von einer neuen Weltordnung gesprochen. Können Sie das konkretisieren?
Christian Engel: Wir sehen die Vorzeichen einer multipolaren Welt – mit China und den USA als dominanten Akteuren. Vielleicht kommen Europa, Russland und einige arabische Staaten hinzu. Wirtschaft wird zunehmend als Machtinstrument eingesetzt.
Lars Engel: 2008 hatten wir eine Finanzkrise. Heute befinden wir uns in einer globalen politischen Krise.
Da prallen politische Ansichten und Eigeninteressen aufeinander – mit massiven wirtschaftlichen Folgen.
Lars Engel
China, Wettbewerb und Geschwindigkeit
Wie bewerten Sie die chinesische Konkurrenz?
Christian Engel: Die chinesischen Wettbewerber sind schnell und gut. Sie setzen uns nicht primär über den Preis unter Druck, sondern über Lösungen, die für ihren Markt besser funktionieren.
Lars Engel: China hat in zehn Jahren eine Marktführerschaft aufgebaut, während wir uns mit Bürokratie, CO₂-Abgaben und Regulierungen selbst blockieren.
KI, Digitalisierung und Produktivität
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz konkret?
Christian Engel: KI ist für uns die letzte Chance für einen Produktivitätsschub. Wir setzen sie dort ein, wo deterministische Algorithmen nicht mehr ausreichen – etwa bei neuronalen Netzen in unseren Maschinen.
Sind Ihre Investitionen in Energieeffizienz und Digitalisierung heute Teil der Lösung?
Christian Engel: Absolut. Unsere Technologien steigern die Produktivität und Profitabilität unserer Kunden deutlich und verbessern gleichzeitig ESG-Scoring und CO₂-Fußabdruck. Die „Digitale Fabrik“ ist kein Zukunftsversprechen mehr, sondern ein entscheidender Hebel zur Kostensenkung.
KI ist für uns die letzte Chance für einen Produktivitätsschub.
Christian Engel
Neuausrichtung, Standort Weiherhammer und Vision
Warum ist Entwicklung in Deutschland so schwierig geworden?
Christian Engel: Wir finden hier keine Fachkräfte. Deshalb mussten wir in der Türkei bauen. Wir haben eine Enklave in Málaga gegründet, weil wir dort Entwickler finden – hier suchen wir neun Monate.
Ich werde nicht dafür bezahlt, nur Dinge zu tun, die mir gefallen.
Christian Engel
Sie sprechen von einer „gnadenlosen Neuausrichtung“. Was heißt das konkret?
Christian Engel: Wir justieren Organisation, Prozesse und Portfolio neu. Prozesse müssen lean und hochautomatisiert sein, KI wird flächendeckend eingesetzt, Doppelarbeit konsequent vermieden. Gleichzeitig fokussieren wir uns klar auf strategierelevante Themen und stellen andere ein.
Was bedeutet das für den Standort Weiherhammer?
Christian Engel: Weiherhammer bleibt das Herz unseres Unternehmens. Die Kompetenz aus 30 Jahren und Milliarden installierter Maschinen ist einzigartig. Gleichzeitig müssen wir internationale Kompetenzen – insbesondere aus China – stärker integrieren, um global wettbewerbsfähig zu bleiben.
Warum sprechen Sie gerade jetzt so offen über diesen Umbau?
Christian Engel: Weil jetzt vermutlich noch rechtzeitig ist. „China Speed“ ist die große Gefahr – das haben andere Branchen schmerzhaft erlebt. Wir wollen geopolitische und technologische Dynamiken nutzen, bevor sie zur Bedrohung werden.
Was ist in solchen Phasen wichtiger: Geduld oder Entschlossenheit?
Christian Engel: Entschlossenheit. Und der Mut, Dinge zu verändern, bevor man dazu gezwungen wird.
Ich will führender Lösungsanbieter in der Wellpappenindustrie bleiben – egal ob aus Deutschland oder aus China.
Christian Engel
BHS Corrugated auf einen Blick
BHS Corrugated ist ein weltweit führender Hersteller von Maschinen und Anlagen für die Wellpappenindustrie mit Hauptsitz in Weiherhammer (Oberpfalz). Das familiengeführte Unternehmen ist seit über 30 Jahren international aktiv und verfügt über eine der größten globalen Serviceorganisationen der Branche.
BHS entwickelt und baut komplette Wellpappenanlagen, digitale Drucklösungen sowie hochautomatisierte Fabrikkonzepte für Kunden in Europa, den USA und Asien. Ein strategischer Schwerpunkt liegt auf Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, Energieeffizienz und der intelligenten Vernetzung von Produktionsprozessen („Digitale Fabrik“, „Corruverse“). Trotz internationaler Entwicklungs- und Produktionsstandorte bleibt Weiherhammer das technologische Herz des Unternehmens.




