Landkreis Tirschenreuth: vom Armenhaus zur drittstärksten Wirtschaftsregion des Landes
Landkreis Tirschenreuth: vom Armenhaus zur drittstärksten Wirtschaftsregion des Landes
Der Landkreis Tirschenreuth ist wirtschaftlich gesehen hinter dem Landkreis und der Stadt München der drittsstärkste Standort in Bayern – und in der Bundesrepublik. Die Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) berücksichtigt Faktoren wie hohe Steuerzahlungen, eine niedrige Arbeitslosigkeit und viele hochqualifizierte Arbeitskräfte. Passt das alles, spricht man von einem starken Wirtschaftsstandort.
400 Regionen und Städte im Ranking
In der Erhebung, die das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) seit zehn Jahren regelmäßig durchführt, werden 400 Regionen und kreisfreie Städte im gesamten Bundesgebiet auf ihre Attraktivität geprüft. Dabei spielen auch Faktoren wie die Ärzteversorgung und der Anteil naturnäherer Flächen eine Rolle. Insgesamt soll damit die Lebensqualität in Regionen bewertet werden.
Bundesweit höchstes Steueraufkommen
Bis vor 30, 40 Jahren galt die Region zwischen Bärnau und Kemnath, Neualbenreuth und Plößberg als das Armenhaus Bayerns. Mittlerweile ist der Landkreis Tirschenreuth eine der größten Aufsteigerregionen Bayerns. Die Autoren der DW-Studie haben hier die drittgrößte Dynamik zwischen 2016 und heute ermittelt. Und das hievt Tirschenreuth auch in der Gesamtwertung aufs Treppchen. Der nördlichste Oberpfälzer Kreis weist insbesondere das bundesweit höchste gemeindliche Steueraufkommen pro Kopf auf – und das trotz vergleichsweise günstiger Gewerbesteuersätze.
Laut DW-Studie profitiert der Landkreis Tirschenreuth besonders von starken Einzelunternehmen und einer breiten industriellen Basis: „In den vergangenen zehn Jahren haben sich dort zunehmend Leitungs- und Entwicklungsbereiche angesiedelt. Dadurch entstehen nicht nur Jobs in der Produktion, sondern auch in Forschung, in der Planung und im Management“, heißt es in der Untersuchung.
Viele unterschiedliche Branchen
Die DW-Studie verweist beispielhaft auf das Medizintechnikunternehmen Siemens Healthineers, das am Standort Kemnath in der jüngeren Vergangenheit zweistellige Millionensummen investiert hat. Ein weiterer wichtiger Standort ist Mitterteich, wo der Spezialglashersteller Schott ansässig ist. Außerdem sind im Landkreis mittelständische Unternehmen aus vielen unterschiedlichen Branchen vertreten: von der Kunststoffherstellung (WiesauPlast) über die Holzverarbeitung (früher Ziegler, jetzt Rettenmeier) bis zum Fleischwarenanbieter Ponnath mit Sitz in Kemnath.
Die überraschende Platzierung des Landkreises hat in erster Linie mit dem weltweit agierenden Unternehmen Siemens Healthineers zu tun. Die Kemnather Erfolgsgeschichte begann bereits 2018, als die Stadt die Gewerbesteuer von 340 auf den bayernweit niedrigsten Hebesatz von 230 Punkten senkte und dadurch die Einnahmen nach oben schossen. Mehr als ein Dutzend Firmen haben sich seitdem in der Stadt angesiedelt, darunter Holdings oder Verwaltungseinheiten aus dem Siemens-Konzern.
Siemens ist der Hauptgrund
Im Jahr der Kemnather Gewerbesteueroffensive ging Siemens Healthineers an die Börse, was der Stadtkasse viel Geld einbrachte. Der Medizintechnikhersteller beschäftigt in Kemnath circa 1.200 Leute und ist damit der größte Arbeitgeber der Stadt. Seit knapp zehn Jahren ging es mit den Gewerbesteuereinnahmen der Stadt stetig bergauf: von 1,6 Millionen Euro im Jahr 2017 auf knapp 14 Millionen Euro (2019) auf 98 (!) Millionen Euro im Jahr 2020.
Ein Hauptgrund für die geradezu explodierenden Steuereinnahmen war die Ansiedlung der Siemens Trademark GmbH & Co. KG. Dabei handelt es sich zwar nur um ein unscheinbares Büro mit wenigen Mitarbeitern, die aber hüten einen gewaltigen Schatz: die Markenrechte für den weltweit bekannten Namen Siemens. Deren Zeitwert gibt der Konzern mit rund 9,5 Milliarden Euro an. Siemens-Konzernsprecher Wolfram Trost erklärt: „Für die Verwendung des Markennamens zahlt die Siemens AG an die konzerneigene Firma Trademark jedes Jahr Lizenzentgelt. Das waren 2019 für neun Monate fast 600 Millionen Euro. Für die Folgejahre wurde ein entsprechend höherer Betrag erwartet. So fallen am Firmensitz von Trademark in Kemnath riesige Erträge an, auf die Gewerbesteuern fällig werden. Und das jedes Jahr bis 2023, in der die Stadt zwischen 80 und 100 Millionen Euro Gewerbesteuer eingenommen hat.“




