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Niederländische Presse: Hätte das Leid in Weiden verhindert werden können?

Weiden/Amsterdam. In den Niederlanden sind Vorwürfe gegen die eigene Polizei und das Unternehmen Moet laut geworden. Hintergrund: Sechs Wochen vor dem Champagner-Vorfall in Weiden war es bei Amsterdam zu ähnlichen Vergiftungen gekommen - ohne Konsequenzen.

Weiden/Amsterdam. In den Niederlanden sind Vorwürfe gegen die eigene Polizei und das Unternehmen Moet laut geworden. Hintergrund: Sechs Wochen vor dem Champagner-Vorfall in Weiden war es bei Amsterdam zu ähnlichen Vergiftungen gekommen - ohne Konsequenzen.
Die Ermittler in Weiden gingen der Sache auf den Grund. Durch ein Loch im Flaschenboden kam der Champagner in die Flaschen. Im Hintergrund Staatsanwalt Matthias Bauer, im Champagner-Fall der Sprecher der Justiz. Foto: Christine Ascherl

Niederländische Presse: Hätte das Leid in Weiden verhindert werden können?

In der 12.000-Einwohner-Stadt Blaricum (30 Kilometer von Amsterdam entfernt) war am 31. Dezember 2021 eine Drei-Liter-Flasche „Moet & Chandon Ice Imperial“ geöffnet worden. Bei einer privaten Silvesterparty hatten drei Personen von dem vermeintlichen Champagner gekostet, weil er komisch aussah (siehe Infokasten).

Darunter war ein Paar, das gerade erst Eltern geworden war. Das Baby war zu dem Zeitpunkt drei Monate alt, es war das erste Mal, dass die beiden wieder ausgingen. Dem Mann und der Frau ging es in der Folge so schlecht, dass sie intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Der Artikel wurde am Freitag veröffentlicht. Titel: „Eén klein slokje en het is mis.“

Verwandtschaft lief von Pontius zu Pilatus

Wie das Rechercheteam um Journalistin Carola Houtekamer herausgefunden hat, setzten die Betroffenen aus Blaricum danach alle Hebel in Bewegung: Sie wollten wissen, was es mit ihrer Vergiftung auf sich hat. Die Partygäste wandten sich an die niederländische Polizei, die keine Anzeige aufnahm. Eine Schwägerin informierte die niederländische Niederlassung von Moet und brachte sogar die Flasche selbst dorthin. Es geschah: nichts.

Am 15. Februar 2022 rief die Verwandte auch die niederländische Behörde für Lebensmittelsicherheit an. Die NVWA meldete den Drogenverdacht an die Polizei der Mittelniederlande weiter. Mehr geschah nicht.

Von Weidener Fall in Medien gelesen

In Weiden war es da schon zu spät: Am 12. Februar 2022 wurde eine Flasche derselben Charge – ebenfalls illegal mit flüssigem MDMA befüllt – im Restaurant „La Vita“ geöffnet. Hier fiel die ungewöhnliche Farbe nicht so schnell auf. Es herrschte Partystimmung. Die Flasche wurde im schummrigen Lokal geöffnet. Noch dazu wurde der Champagner in blickdichte Acrylgläser eingeschenkt. Acht Menschen tranken von der Flüssigkeit. Ein Mann starb, sieben Frauen und Männer erlitten teils lebensbedrohliche Vergiftungen.

Der Weidener Champagner-Fall schaffte es in die internationalen Schlagzeilen. Auch der Partygast aus Blaricum las davon im Internet. Er rief erneut bei der Polizei an und informierte darüber, dass auch er und seine Partnerin schwerste Vergiftungen erlitten hatten. Beide wollten weiterhin Anzeige erstatten und bei der Aufklärung helfen. Laut NRC geschah wieder nichts: Die Polizei weigerte sich, die Anzeige aufzunehmen, da die Gruppe die Flasche nicht mehr besaß (sie befand sich bei Moet). Die Polizei meldete sich nie wieder.

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Niederländer bei Prozess in Weiden

Redakteurin Carola Houtekamer hat zur Recherche auch den Prozess in Weiden besucht. Ihr Eindruck: Erst die Weidener Ermittler setzten alles daran, den Fall zu klären. Die Kriminalpolizei Weiden sammelte so viele Flaschen wie möglich in ganz Europa ein. Insgesamt sollen es 20 gewesen sein, die versehentlich in den Verkauf als Genussmittel kamen. Der Kripo Weiden gelang es, über die Hälfte zu sichern und zu sich nach Weiden bringen zu lassen. Darunter war auch die Flasche aus Blaricum, die von Moet übergeben wurde und sich jetzt bei der Staatsanwaltschaft Weiden befindet.

Die niederländische Zeitung NRC stellt folgende Fragen: „Warum hat der Champagnerhersteller selbst keine weiteren Schritte unternommen? Warum hatte die niederländische Polizei nach der Vergiftung in den Niederlanden nichts unternommen?“ Und letztlich der schwerwiegende Vorwurf: „Hätte das Leid in Weiden verhindert werden können, wenn die Polizei unmittelbar nach Silvester die Herkunft der Drogen in der Drei-Liter-Flasche untersucht hätte?“

Haarsträubender Fall: Seniorenpaar stirbt an Gin

Das Rechercheteam fasst den Fall noch weit größer: Inzwischen sei es in den Niederlanden gang und gäbe, dass Drogenschmuggler Spirituosenflaschen als Versteck benutzen. Geschildert wird ein haarsträubender Fall eines Seniorenpaares in Hilversum. Ein alter Herr hatte am 12. April 2023 von einer Freundin eine Flasche Gin geschenkt bekommen.

Nach einem Schluck aus dem Schnapsglas hatte er schwerste neurologische Ausfallerscheinungen: Er war verwirrt, sprach undeutlich und konnte nicht richtig stehen. Das Klinikum dachte an eine Hirnblutung. 45 Minuten nach Eintreffen in der Notaufnahme starb der Mann.

Niederlande: Weltweit einer der größten MDMA-Produzenten

Das Unfassbare: Vier Tage nach seiner Einäscherung – am Abend des 25. April 2023 – setzte sich seine Witwe an den Küchentisch und schrieb einen Brief an den Verstorbenen. Dabei erinnerte sie sich an sein letztes Getränk. Auch sie schenkte sich ein Glas von dem Gin ein – und wurde mit Krämpfen ins gleiche Krankenhaus gebracht. Sie spuckte Blut.

Ihren Angehörigen konnte sie bei der Einlieferung noch sagen: „Ich habe einen Schluck aus diesem Getränk genommen.“ Erst da fiel der Groschen. Der Gin wurde sichergestellt. Die Frau verstarb drei Wochen später an den Folgen einer Vergiftung mit in Oktan gelösten Amphetaminen: Amphetaminöl, ein Rohstoff für Drogen.

Der Artikel des NRC beleuchtet die Problematik auch ganz allgemein: Die Niederlande sei weltweit einer der größten Produzenten von MDMA, dem Wirkstoff in Ecstasy und Amphetaminen. Im Jahr 2024 hob die Polizei 167 Drogenlabore aus, mehr als die Hälfte befand sich in Wohngebieten. Es sei eine große Industrie, die anfällig für Unfälle mit Unbeteiligten sei.

Carola Houtekamer von der niederländischen Zeitung NRC aus Amsterdam bei der Arbeit im Gerichtssaal in Weiden. Foto: Christine Ascherl

Der Champagner-Fall in den Niederlanden Silvester 2021/22

Die Redaktion der Zeitung NRC in Amsterdam hat einigen Aufwand betrieben, um an Informationen zur MDMA-Vergiftung in den Niederlanden zu kommen.

Offiziell war der Fall nie zu den Akten gekommen, weil die niederländische Polizei ihn nicht ernst genug nahm. Die Redaktion kannte daher nur eine mögliche Adresse und verteilte Flugblätter in der betreffenden Straße. Dann machte sich ein Team zur Befragung der Anwohner auf. „Briefkasten um Briefkasten, Türklingel um Türklingel“, so Journalistin Carola Houtekamer.

Letztlich mit Erfolg. Ein Anwohner verwies auf die Familie, die an Silvester 2021/2022 in der Stadt Blaricum (30 Kilometer östlich von Amsterdam) eine vergiftete Champagner-Flasche geöffnet hatte. Über LinkedIn gelangte die Redaktion an einen Mittdreißiger, der damals Gast der Party war.

Er und seine Freundin hatten damals ein drei Monate altes Baby. Es war das erste Mal, dass das Paar wieder ausging. An Silvester fand eine Hausparty mit den Brüder, Schwägerinnen und Freunden statt. Der Hausherr hatte Champagner in einer Kühlbox vorbereitet. Darunter war die 3-Liter-Flasche „Ice Imperial“, die er von einem Freund (30) geschenkt bekommen hatte. Dieser 30-Jährige hatte die Flasche für 250 Euro auf der Online-Plattform Marktplaats gekauft.

Der 30-Jährige war auch Gast auf der Party. Als der Hausherr die Flasche in der Küche geöffnet hatte – es war Viertel vor Mitternacht -, rief er den Freund in die Küche. „Er sagte: Der Champagner scheint nicht gut zu sein. Er riecht komisch und sieht komisch aus.“ Der 30-Jährige nahm einen kleinen Schluck. Seine Freundin sagte: „Lass mich auch probieren.“ Zehn Minuten später war sie panisch: „Mir geht es nicht gut! Mir geht es nicht gut!“

Am Ende lagen alle Drei auf dem Boden. Die Frau hatte keine Kontrolle mehr über ihre Gliedmaßen, sie bewegte sich krampfhaft, fast spastisch. Einer der Männer übergab sich heftig.

Die alarmierte Polizei kam mit zwei Polizeibeamten ins Haus, nahm aber keine Anzeige auf. Gegenüber NRC erklärte die Polizei in den Mittelniederlande inzwischen, künftig in einer ähnlichen Situation besser zu reagieren. Schon am Neujahrstag rief eine Schwägerin zudem bei der niederländischen Niederlassung von Moet an, um zu warnen. Die Warnung ging am Ende erst hinaus, als es sechs Wochen später einen Toten in Weiden gab.

Ende Februar 2022 warnten die Behörden vor verdächtigen Chargen des Moët & Chandon „Ice Impérial“. Foto: NVWA