Windrad-Rotorblätter landen meist im Ofen: Zeuge schildert Entsorgungsproblem im Weidener Müllprozess

Windrad-Rotorblätter landen meist im Ofen: Zeuge schildert Entsorgungsproblem im Weidener Müllprozess
Vor dem Landgericht Weiden steht seit 11. Juni ein Recycling-Unternehmer aus Weiden. Ihm wird unter anderem die illegale Verbringung von 700 Tonnen Schrott – vor allem Windkraft-Schrott und E-Auto-Batterien – nach Tschechien vorgeworfen. Als einer der wichtigsten Zeugen sagte zuletzt sein Geschäftsführer aus. Dieser war 2018 zunächst als Berater angeworben worden, später war er fest angestellt. Der Ingenieur aus Stuttgart ist Spezialist für Recyclingtechnik.
Ein Defizit in ganz Deutschland
Die Firma baute Windkraftanlagen und Flugzeuge zurück. 2018 sollte der nächste Schritt folgen. „Roth wollte vom Rückbauer zum Recycler werden.“ Es gibt zwei Möglichkeiten des Recyclings, erklärt der Ingenieur: Rohstoffe und thermische Verwertung (Verbrennen).
Rotorblätter bestehen hauptsächlich aus glas- und carbonfaserverstärkten Kunststoffen (GFK und CFK). Sie können nach Aussage des Baden-Württembergers fast nur verbrannt werden. „Da gibt es kaum rohstoffliche Verwertung. Im Großen und Ganzen ist das nicht möglich.“ Es gäbe allenfalls kleinere Projekte, wie die Verwendung für Schallschutzwände. „Aber das ist geringfügig.“
Allgemein in Deutschland gibt es ein Defizit an Aufarbeitern und Endverwertern von GFK und CFK. Momentan läuft nur Zerschreddern und thermische Verwertung.
Geschäftsführer der Firma Roth im Zeugenstand
Was hat die Firma Roth also gemacht mit den Rotorblättern aus Windkraftanlagen und Flugzeugen? „Zerschreddern und Granulieren, damit es dann thermisch verwertet werden kann.“ Abnehmer waren beispielsweise Zwischenhändler für Zementwerke. Doppelter Vorteil: Zementöfen haben hohe Temperaturen von bis zu 1450 Grad Celsius, das garantiert zugleich eine vollständige Zerstörung von Abfällen.
Bis zu sechs Meter lange Rotorblätter wurden in Wernberg angeliefert. Pro Tonne bekam die Firma Roth dafür nach der Erinnerung des Geschäftsführers 350 Euro. In Wernberg wurde der Windkraftschrott zerhäckselt. Die 20-Zentimeter-Schredds wurden wieder ausgeliefert. Den Abnehmern zahlte die Firma Roth 170 Euro für die Annahme. „Ja, so ist das“, sagt der Ingenieur auf irritierte Nachfrage des Gerichts: „Abfall kostet.“
Schreddern war nicht genehmigt
Dieses Geschäftsmodell war jäh beendet, weil das Landratsamt Schwandorf im Frühjahr 2024 das mechanische Zerkleinern von GFK und CFK ausdrücklich untersagte. Das Schreddern von glas- und carbonfaserverstärkten Kunststoffen war nicht genehmigt. „Das war ein Problem“, erinnert sich der Zeuge. „Jeder Abnehmer wollte Schredds, aber keine ganzen Teile. Das hat sich dann angesammelt.“
Man habe mit allen Mitteln versucht, Abnehmer zu finden. Es gab eine Konkurrenzfirma, die sich erst „dumm stellte“ und nichts annahm. Dann wurde ein inakzeptabler Preis von 500 Euro pro Tonne für die Abnahme genannt. Der Lagerplatz in Wernberg war übervoll.
„Er hat gesagt: Papiere vorbereiten, ab sofort geht alles nach Tschechien“
Von „heute auf morgen“ habe der Chef eine Lösung präsentiert: die Firma Piroplastik in Tschechien. „Allen im Haus war diese Firma unbekannt“, berichtet der Geschäftsführer. Die Anweisung des Inhabers war klar: „Er hat gesagt: Papiere vorbereiten, ab sofort geht alles dahin.“ Ab Mai 2024 wurde nach Tschechien geliefert. Zur Erinnerung: Erst im Januar 2025 stellte sich die Bürgermeisterin von Jirikov den Lkw in den Weg und sorgte für den Beginn von Ermittlungen.
Der Geschäftsführer war bei all diesen Geschäften außen vor. Manchmal seien Mitarbeiter aus dem Wiegehaus zu ihm gekommen, die rätselten, warum zwei Lieferadressen auf dem Papier standen. Heute weiß man: Piroplastik hatte keine Recyclinganlage, sondern war eine Briefkastenfirma mit Sitz in der Altstadt von Ostrava. Die zweite Adresse waren illegale Lagerplätze auf der grünen Wiese. Gegen die Tschechen, die bei der Vermittlung halfen, wird in ihrem Heimatland ermittelt. Darunter ist auch ein tschechischer Politiker.
Kunden kamen in Scharen: „Da sieht man den Missstand“
Der Schrottberg aus Wernberg wanderte in Dutzenden Lkw-Ladungen ins Nachbarland. Aber dem nicht genug: Die Firma Roth soll auch nach dem Schredder-Verbot weiterhin GFK/CFK-Abfälle angenommen haben, so eine frühere Aussage des Betriebsleiters. Auch diese wurden in Tschechien abgekippt. An Kunden zu kommen, war laut Geschäftsführer keine Schwierigkeit: „Wir hatten nur unsere Website. Da sieht man auch den Missstand, dass Abfallverursacher keine Abnehmer finden. Die kamen alle von selbst.“ Er kenne bis heute keine Firma, die GFK in richtig großem Stil aufbereitet.
Der Geschäftsführer erfuhr erst im Weihnachtsurlaub 2024 vom Tschechien-Skandal. Er wurde von Kollegen über „wilde Presseberichte“ informiert. Erst da habe er verstanden, dass etwas schief läuft. Er sei in die Firma gefahren und habe recherchiert. Der Firmensitz von Piroplastik entpuppte sich als Altstadtwohnung in Ostrava. „Ich habe mich gefragt: Wo ist da eigentlich die Recyclinganlage?“ Er habe auch die Menge überprüft. In den Medien war von 600 bis 700 Tonnen die Rede, eine Menge, die ihn überrascht habe. Er habe die Presseberichte mit den Bilanzen abgeglichen. Der Wert war korrekt. Auf Nachfrage von Vorsitzenden Richter Markus Fillinger sagt er: „Ja. Die Presse war meine einzige Infoquelle. Erbärmlicherweise.“
Nächster Prozesstag: Freitag
Der Geschäftsführer trug zwar den Titel „Geschäftsführer“, aber ohne Prokura. Vor Gericht belastet er den angeklagten Unternehmer stark: „Er hat alle Entscheidungen an sich gebunden, was oft ein Problem war, weil man ihn für jede Kleinigkeit brauchte.“ Er selbst sei „oft im Dunkeln gehalten“ worden. Der angeklagte Unternehmer überging auch Betriebs- und Produktionsleiter. Angeklagt ist neben der illegalen Müllverbringung auch Körperverletzung: So lief eine Batterie-Recyclinganlage weiter, obwohl erhöhte Schadstoff-Werte in der Luft und Nickel und Kobalt im Blut der Mitarbeiter gemessen worden waren.
Nächster Prozesstag ist der Freitag, 3. Juli, Beginn 9 Uhr. Angehört werden weitere Zeugen aus der Firma.
Aus was besteht ein Rotorblatt?
Rotorblätter bestehen überwiegend aus Faserverbundstoffen, die auch im Boots-, Segel- und Kleinflugzeugbau Anwendung finden. Sie bieten sehr gute mechanische Eigenschaften bei relativ geringem spezifischem Gewicht. Die Blattschalen sind in Sandwichbauweise hergestellt.
Die Außenwände bestehen dabei aus Glasfasern, welche mit einer Kunststoffmatrix (meist Epoxidharz) getränkt sind (GFK – glasfaserverstärkter Kunststoff). Kohlenstofffasern kommen aktuell lediglich in wenigen Rotorblättern zum Einsatz.
Zwischen den Wänden des Sandwichverbundes befindet sich ein leichtes, aber druckfestes Kernmaterial. Verwendete Kernmaterialien sind u.a. Balsaholz und verschiedene Kunststoffe, etwa PET und PVC-Schaum. (Quelle: Bundesverband Windenergie)
Dieser ganze Aufbau macht die Trennung beim Recycling schwierig, erklärte der Zeuge im Landgerichtsprozess. Ein Separieren in reinen Kunststoff und reines Holz sei nicht möglich. „Das ist ein Verbundstoff: Die Hölzer sind reinlaminiert. Das muss ja die Struktur halten, wenn es im Wind steht und sich verbiegt.“
![[Update] Prozess gegen Recyclingunternehmer – Geständnis ohne große Reue: Ich wollte zuviel](https://redaktion.oberpfalzecho.de/wp-content/uploads/2026/06/f5901611-pix7-scaled.jpg)
[Update] Prozess gegen Recyclingunternehmer – Geständnis ohne große Reue: Ich wollte zuviel
Weiden. Am Landgericht Weiden hat der Prozess gegen einen 53-jährigen Recycling-Unternehmer aus Weiden begonnen. Ihm wird die illegale Müllverbringung nach Tschechien in 54 Fällen vorgeworfen, außerdem gefährliche Körperverletzung an neun Mitarbeitern, die an einer undichten Batterie-Recyclinganlage arbeiteten.

Prozess gegen Recycling-Unternehmer: Gericht kündigt Deal auf
Weiden. Zu Beginn des zweiten Prozesstags platzt die Bombe: Das Gericht kündigt den am Donnerstag vereinbarten Deal mit dem angeklagten Recycling-Unternehmer auf. Man fühle sich nicht länger an den Strafrahmen von 3 bis 3,5 Jahre Haft gebunden. Grund: Das Geständnis reicht dem Gericht nicht aus.




