Schobers Rock-Kolumne: Von Predigern, Singer/Songwriter und Alt-Rockern

Schobers Rock-Kolumne: Von Predigern, Singer/Songwriter und Alt-Rockern
In Deutschland treten (zu Recht) immer mehr Menschen aus den Kirchen aus. Die Gründe hierfür sind hinlänglich bekannt. In Amerika gibt es keine Kirchensteuer, man tritt hier nicht aus, man geht einfach nicht mehr hin. Das wird unseren pseudochristlichen Karottenkopf grämen, denn die fundamentalistischen Christen der unterschiedlichsten Kirchen sehen in Ihm ja den Engel mit dem Flammenschwert, Michael geheißen, der sie vor den Kommunisten, selbstbestimmten Frauen, teurem Öl, der LGBTQIA+ Community und sonstigem Teufelszeug beschützt.
Fundamentalistischer Prediger
David Eugene Edwards entstammt der religiösen Gemeinschaft der Kirche des Nazareners. Sein Vater starb früh, und als Junge zog er oft mit seinem Großvater durch die Lande, welcher die Menschen mit Feuer-und-Schwefel-Predigten zu bekehren versuchte. Trump war damals „nur“ Millionär, Sexist und Rassist, hätte aber sicherlich seinen Gefallen am Opa gefunden.
Edwards wiederum gründete in jungen Jahren die Kapelle der 16 Horsepowers, die in Indie-Kreisen trotz seiner pro-religiösen Texte einigermaßen erfolgreich wurde. Die Mischung aus aus Folk, Bluegrass, Gospel und Alternative Rock war ziemlich neu und einzigartig und wurde schnell Gothic-Country geheißen.
Fand ich damals auch ziemlich interessant, ich hatte wohl nicht wirklich auf die Texte geachtet. Jetzt hat der Mann sein zweites Solo-Werk (zuvor war er als Woven Hand unterwegs), „Mercurial Silence“ (Cargo) veröffentlicht, das weiterhin aus der Bibel schöpft, Sünde, Erlösung, Gericht, Opfer, Gnade und die Apokalypse thematisiert.
Die Bildsprache ist gewaltig wie das Werk selbst. Vom Sound her kann man sich das sehr gut in einer goethischen Kathedrale vorstellen -die allerdings dem Satan umgewidmet wurde. Edwards Musik klingt immer groß und gefährlich, düster und geheimnisvoll. Wo ein Nick Cave dem Elysium nahe ist, badet Edwards im Purgatorium. Ich werde lieber die Konzerte des Australiers besuchen und dort den köstlich-munteren Chören lauschen.
Mit der Laute unAmericana, Part 1terwegs
Wirkliche Brüder im Geiste sind David Eugene Edwards und Alejandro Rose-Garcia nicht. Das merkt man schon am Künstlernamen des Letztgenannten, der als Shakey Graves seine Platten veröffentlicht. Der Mann hat Humor, auch wenn er gerne religiöse Bilder und biblische Anspielungen bemüht. Da er sich im Americana-/Folk-Stil mit Ghost-, Western- und Südstaaten-Atmosphäre aufhält, gehört das schon fast dazu. „Fondness, Etc.“ (Open) heißt sein fünftes Werk.
Es wurde erneut im eigenen Studio in nur einem Monat zusammengebastelt und schön analog auf zwei Tascam-Bandmaschinen aufgenommen. Die Instrumentierung ist puristisch, nur auf dem Cover von „Time Flies“ schleicht sich ein dezentes Streichquartett dazwischen. Über den Song sagte Shakey Graves selbst: „Ich hatte die Vision, dieses Album wie eine Art Zero-Budget-Pop-Platte von Roy Orbison aus den 50er Jahren klingen zu lassen, und da ich nur wenig Zeit hatte, um ein ganzes Album zu schreiben, aufzunehmen und zu veröffentlichen, dachte ich mir, ich sollte das tun, was die Profis tun würden, und heimlich einen Cover-Song eines alten Freundes einbauen.
Ich habe (Frankie Sunswept) zum ersten Mal 2007 im Sidewalk Cafe in Alphabet City mit „Time Flies“ spielen hören und singe den Song seitdem ununterbrochen vor mich hin. Ich wusste, dass er perfekt zu diesem Projekt passen würde, und habe schließlich eine Version davon gemacht, wie sie in meinem Kopf im Radio laufen würde.“ Wir kennen das Original nicht, aber er passt jedenfalls bestens in diesen Kanon ehrlich-erdiger Americana-Music.
Americana, Part 2
Und wir bleiben nochmals in den vielleicht mal guten und freien USA. Der Singer/Songwriter und Gitarrist Ryan Bingham treibt dort sehr erfolgreich sein Unwesen. Und als Schauspieler ist er zudem aktiv, spielt den „Walker“ in der wirklich sehenswerten Serie „Yellowstone“.
So gab es bereits einen Grammy, Oscar, Golden Globe und Critics‘ Choice Award für den Rauhals. Zusammen mit seiner munteren Kapelle, den The Texas Gentlemen hat er jetzt „They Call Us The Lucky Ones“ (Open) herausgebracht und das Album feiert typisch rootige Americana-Tugenden wie Folk, Country, Blues und Rock.
Es klingt wie man so sagt wie „aus einem Guss“, authentisch, ehrlich, herzlich, atmosphärisch, hört sich an, als wäre es live im Studio aufgenommen worden. Townes Van Zandt oder Steve Earle lassen hier grüßen und der religiöse Überbau schwindet zu Gunsten von Themen wie Einsamkeit, die harte Lebensrealitäten der einfachen Leute, Verlust oder dem Überleben im heutigen Amerika. Die The Texas Gentlemen klingen dabei wie eine Reinkarnation von The Band.
Sie kann dein Haus von oben sehen
Im letzten Sommer hatte ich das Vergnügen die irische Musikerin und Singer/Songwriterin Wallis Bird kennen zu lernen. Sie trat in Neustadt/Aisch im Rahmen des „Fränkischen Sommers“ auf, den ich als Produktionsleiter betreue. Mit dabei war die Klassik-Band Sparks und gegeben wurde das Programm „Visions of Venus“, das Werke von Komponistinnen aus verschiedenen Epochen und Kontinenten präsentierte.
Wallis Bird hatte ich dabei als extrem kraftvolle wie variable Sängerin und Gitarristin erlebt -und als sehr humorvollen Menschen. Bereits in recht jungen Jahren hatte sie bei einem Unfall fünf Finger verloren, vier davon konnten wieder angenäht werden, was meinen Respekt auch für ihr Gitarrenspiel noch steigerte. Also diese durch und durch sympathische Musikerin hat eine Art Nachruf an einen sehr guten Freund verfasst, der viel zu früh gegangen ist. Das Album heißt wie eine Platte von Camel, „I Can See Your House From Here“ (Bród Records) und handelt von persönlicher und kollektiver Trauer, der Blick darauf lässt aber auch immer das Licht am Ende des Tunnels leuchten, Wallis Bird vergräbt sich nicht, sie bleibt durchwegs optimistisch.
Diese Offenheit zieht sich auch musikalisch durch sämtliche Songs. Wir hören also keinen melancholischen Moll-Liedreigen, diese Lieder sind manchmal richtig fröhlich und hüpfen wie ein junges Mädchen auf einer Frühlingswiese wie in „Two Trees“, das singt, „we keep this life, tscha-tscha-tasch“. Sie weiß aber auch: „Why Is Peace Problematic“ und da wird es dann schon etwas pastoraler und getragener. Und „Let Me Buy You Flowers“ klingt dann nach teils atonalem Orchesterwerk. Wer sich mal so ein ans Herz gehendes Konzert ansehen möchte, am 11. Oktober spielt die Künstlerin in München.
Muntere Alt-Prog-Rocker
Sicherlich auch irgendwann, irgendwo auf Tour sind die altgedienten Prog-Rocker von Yes. Die werden ja nicht müde, immer wieder Alben zu veröffentlichen, obgleich man mit den ersten Zehn schon mehr als genug über die Runden kommen würde. Was in und nach den 80ern das Licht des Plattentellers erblickte war meist Selbstplagiat, aus der Zeit gefallen sowieso. Anyway, sie sind und waren neben Genesis meine absoluten Lieblinge, mein ersten großes Konzert war eines von Yes in der Nürnberger Frankenhalle so Ende der 70er (ich hatte definitiv noch keinen Führerschein) mit richtiger Laser-Show (was damals der letzte Scheiß war).
Jon Anderson schwebte als Engel von der Bühnendecke und ich erstarrte in Ehrfurcht. Der ist aktuell nicht mit dabei, aber Jon Davison ist ein ähnlich kompetenter Falsett-Akrobat -heißt ja auch Jon. Keyboarder Geoff Downes meinte in einem Interview, man wolle zwar die Yes-DNA hochhalten, aber nicht in der Vergangenheit verweilen. Ist natürlich Quatsch, denn das Album zitiert selbstverständlich die alten Tugenden und kann den zuletzt gesetzten Maßstab von „The Quest“ halten, ja übertrifft den direkten Vorgänger, „Mirror To The Sky“ sogar.
Wer also eher ein Besitzer einsamer Herzen ist, sollte vorsichtig sein, hier geht es zurück zu den besten Zeiten der Kapelle. Die meisten Titel seien in kollektiver Zusammenarbeit entstanden, so einziges Ur-Mitglied Steve Howe. Zur Besetzung gehören aktuell noch Billy Sherwood am Bass, Gesang und zusätzlichen Gitarren, sowie Jay Schellen am Schlagzeug. Und letztendlich stammt das Cover-Artwork von „Aurora“ (Inside Out) wie zu den Anfangstagen von dem genialen Roger Dean. Der Kreis schließt sich.
Dänemark hat den Blues
Es rentiert sich zum Abschluss auch nicht mehr ein paar junge Talente ins Spiel zu bringen. Aber ein zusätzlicher Landstrich darf es dann doch sein. Wenden wir also unsere Blicke und Ohren Richtung Dänemark. Dort haben sie nämlich auch ab und an den Blues und den sogar mit Auszeichnung. Thorbjørn Risager (Gesang, E-Gitarre), Emil Balsgaard (Orgel, Keyboard), Joachim Svensmark (E-Gitarre), Kasper Wagner (Baritonsaxophon), Hans Nybo (Tenorsaxophon), Peter W. Kehl (Trompete), Søren Bøjgaard (Bass) und Martin Seidelin (Schlagzeug, Percussion) haben vier Danish Music Awards gewonnen, wurden bei den European Blues Awards als „Beste Band“ ausgezeichnet und erhielten den renommierten Preis der Deutschen Schallplattenkritik.
Über 100.000 physische Alben haben sie zudem verkauft und mehr als 32 Millionen Streams erreicht, während sie mit über 1.500 Auftritten weltweit neue Wege beschritten haben. Sie waren Vorband für Bonnie Raitt und die Tedeschi Trucks Band, jammten mit dem legendären Buddy Guy und gewannen sogar einen Fan in Elwood Blues höchstpersönlich – Dan Aykroyd! –, der ihren „heißen Rhythm and Blues“ lobte.
Die Rede ist von Thorbjørn Risager & The Black Tornado. Das Oktett zieht ein Live-Resümee ihres Schaffens mit der Scheibe, „Live At Hotel Cecil“ (Bertus). Sie enthält 18 (!) Titel und bildet diverse Spielarten des Blues ab, der live gespielt natürlich noch mehr Atmosphäre atmen darf als im Studio. Absolut State-Of-The-Art.




