Schobers Rock-Kolumne: Von queeren Künstlern und schwarzen Krähen

Schobers Rock-Kolumne: Von queeren Künstlern und schwarzen Krähen
Der Osterhase hat wieder ausgehoppelt, bald stehen die ersten Nikoläuse im Supermarkt. Ganz so schlimm ist es noch nicht um unsre Marktwirtschaft und dem unentwegt befeuerten Kaufwahn und -druck bestellt, wie in der Zeit direkt nach Weihnachten, wo eben schon ab dem 01.01. die ersten gefärbten Eier ihre Käufer suchen, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Mal sehen, ob diese Ausgabe so eine Art Post-Ostern-Nest mit einer bunten Mischung aus Musiken oder eher eine stramme Nikolaus-Parade werden wird.
Im Schneckentempo zum Erfolg? Eher nicht!
Starten wir mit einer Künstlerin, die sich Schneckenpost, also Snail Mail nennt. Das jetzt auseinander zu klamüsern überlasse ich gerne Euch. Und auch warum ihr aktuelles Album auf den Namen „Ricochet“ (Matador) getauft wurde, erlaubt diverse Deutungen.
Ziemlich sicher hat Lindsey Jordan keine Ode an den Wrestler gleichen Namens verfasst, noch wird die Racketsportart damit gemeint sein. Hört man sich ihre Texte über die Wirrungen des Lebens -sie ist gerade einmal 26 geworden- an, liegt die Vermutung nahe, sie habe sich an dem alten französischen Ausdruck „fable du ricochet“ orientiert, was so viel wie ein sinnloses Durcheinander zweckloser Fragen und Antworten bedeutet.
Dazu gibt es bestes Indie-Futter mit griffigen wie giftigen Gitarren, konterkariert mit Momenten des Innehaltens. Da kommen dann auch üppige Streichersätze zum Einsatz, die z.B. dem Titel-Song richtig monolithisch-groß klingen lassen. Entlassen wird man aber mit dem Song, „Reverie“, der zunächst reduziert, versöhnlich, und simpel klingt wie eine Folk-Ode für Kinder, sich dann aber doch mit erneutem Streichereinsatz in luftige Höhen schwingt. Fazit:rauchige, gitarrengetriebene Indie-/Alt-Rock-Musik, irgendwo zwischen zupackender Rockenergie, verträumter Melancholie und melodischer Eingängigkeit, mit einer gewissen „90er-Alternative“-Atmosphäre, als brächte man Soccer Mommy, Liz Phair, die Smashing Pumkins und My Bloody Valentine zusammen.
Ein Oldie dreht auf
Jetzt aber zu einem Mann von dem schon kurz in der vorletzten Ausgabe die Rede war: dem Ausnahmemusiker Bruce Hornsby. Er fand Erwähnung als letzter Keyboarder der Grateful Dead und deren Bob Weir als auch Dead-Texter Robert Hunter sind auf „Indigo Park“ (Thirty Tigers) als Gäste mit dabei.
Aber nicht nur das. Unterstützt von seiner langjährigen Band The Noisemakers sowie dem Gitarristen Blake Mills, dem Bassisten Pino Palladino und dem Schlagzeuger Chris Dave, enthält das Album auch Kollaborationen mit Künstlern wie Bonnie Raitt oder Ezra Koenig. Es gibt wenige Tasten-Virtuosen, dessen Spiel man auf all seinen Aufnahmen auch für befreundete Kollegen wie Bob Dylan, Bob Seger, Chaka Khan, Elton John, Mavis Staples, Sting, Wayne Shorter, Danielle Haim, Goose oder Jamila Woods so deutlich heraus hören kann.
Auf „Indigo Park“, seinem fünften Album innerhalb von fünf Jahren, probiert der 72-jährige auch barockes Kunstlied („Silhouette Shadows“) oder Electro-Beats („Ecstatic“) aus, seiner Kreativität, seinem Forschungsdrang scheinen keine Grenzen gesetzt.. Er bedient sich Absurdismus, veränderten Dominantakkorden, literarischen Referenzen, Melodien mit großen Intervallsprüngen, Wechseln von Takt und Textur, ausgedehnten Refrains und tiefgründigen Metaphern, die alle zu einer multidimensionalen Untersuchung der Art und Weise, wie wir uns erinnern und wie wir vergessen, verschmelzen.
Gängige Konventionen werden über Bord geworfen und doch hört man klar & deutlich, dass es sich um ein weiteres Meisterwerk des Herrn Hornsby handelt. Dabei verhandelt er seine Musik nicht so radikal wie der Kollege John Cale mit seinen über 80 Jahren, Hornsby`s Experimentierlust ist jedoch auch gewaltig.
Rock`n`Roll Handwerker mit Soul-Handschuhen
Wem das alles ein wenig zu sprunghaft, modernistisch, halt nicht Fisch noch Fleisch ist, wer sich am wohlsten beim guten alten dreckigen, geradlinigem Rock`n`Roll fühlt, für den ist die neue (könnte auch die erste gewesen sein) Scheibe der Black Crowes genau das Richtige. Die Gebrüder Robinson feiern das hohe Lied des Rock, ja man könnte auch sagen, sie brennen ein wahres Rock-Feuerwerk ab.
„A Pound of Feathers“ (Bertus) wurde in wenigere als zwei Wochen, wahrscheinlich live im Studio aufgenommen und diese rohe Energie, diese Unmittelbarkeit und Direktheit springt einem förmlich an. In der Kürze liegt ja auch bekanntlich die Würze, man muss eben nicht ein halbes Leben im Studio verbringen um authentischen Rock aufzunehmen.
Aber wie es so oft bei Rock-Kapellen dieser Präferenz ist, stechen auch hier Balladen wie das euphorische „Pharmacy Chronicles“ oder der Akustik-Track mit Geige und Soul-Feeling, „High And Lonesom“ (ein kleines E-Gitarren-Solo darf natürlich auch hier nicht fehlen)aus dem Groß der Aufnahmen heraus. Und bei „Doomsday Doggerel“ hätte sich wahrscheinlich sogar Ozzy Osbourne gegruselt. „It´s only Rock`n`Roll, but we like it.
Queere Indie-Pop-Lieder
Zu den Hochzeiten von Ozzy, war die Welt nach außen hin zumindest noch klar und deutlich in Männlein und Weiblein eingeteilt. Aber auch schon zu seiner Zeit, so um 1970 herum, startet die LGBTQ+Bewegung, nur fand die damals (fast) kein Gehör. Dafür boomt diese soziale Bürgerrechtsbewegung, die für die Rechte, Sichtbarkeit und Gleichstellung von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans-, intergeschlechtlichen und queeren Menschen eintritt seit einiger Zeit.
Nicht falsch verstehen, das ist alles richtig und gut und jede Art der Diskriminierung ist shit, nur wird dem meiner Meinung nach viel zu viel Raum in der öffentlichen Diskussion eingeräumt. Rechnet man homosexuelle und lesbische Paare heraus, sprechen wir von zirka 6% der deutschen Bevölkerung. Naja. Sängerin/Gitarristin Nicole „Lux“ Fermie zählt sich sich seit kurzem auch zu dieser Gemeinschaft queerer Menschen und räumt dem Thema auf „Giving Up“ (Bella Union) ihre ganze Aufmerksamkeit ein.
LuxJury nennt sich das Duo, das sie zusammen mit Schlagzeuger Howey Gill bildet. Wer sich also für derartige Beziehungen, deren Erblühen und Scheitern interessiert, bekommt massig Hörstoff dazu. Mich als langweiligen heterosexuellen Rock-Opa interessiert dabei eher die Musik. Und die gefällt teils ganz gut! Beim Opener, „Poly-Amerie“ musste ich z.B. gleich mal an Annie Lennox denken. Vor dem Hintergrund von mitreißenden Streichern und kraftvollen, dynamischen Gitarren erzählt der Song die Geschichte eines Liebesdreiecks, drei Frauen, die versuchen, romantisch offen zu sein und gleichzeitig ihre Eifersucht in Schach zu halten. Und dann ist da noch „Hot Mess“, dass meine (heimliche) Liebe für Yacht-Pop stillt.
Oder die überdrehte 50er Schmonzette, „Opaque & Hollow“. Oder das stille, minimalistische, atmosphärisch knisternde „Orphans“ mit seinen Hallräumen und der intensivsten Stimme des Albums -by the way mein liebster Song dieser ziemlich fabelhaften Platte.
Gedämpfte Krachmaschine
So, was hatten wir denn bis jetzt noch nicht im Repertoire? Richtig, ordentlich rumpelnden Indie-Rock. Mit „The Secret to Good Living“ (Cargo) versuchen die Hiding Places nichts Geringeres als die Lebensfrage zu vertonen – und landen dabei erstaunlich konsequent im Halbdunkel.
Die Gitarren perlen, als hätten sie Angst, jemanden aufzuwecken. Das Schlagzeug klopft vorsichtig an, statt die Tür einzutreten. Und der Gesang schwebt so ätherisch über allem, dass man sich fragt, ob er überhaupt hier sein will. Indie-Rock zwischen Brooklyn-Dachterrasse und Carolina-Veranda – schön ausgeleuchtet, aber selten zwingend. Das ist alles geschmackvoll, keine Frage. Melancholie in Pastell. Man hört Einflüsse von Slowcore bis Shoegaze, von Grunge bis Alternative doch wo andere Bands in Lärm oder Leidenschaft eskalieren, ziehen die Hiding Places lieber noch eine Schicht Hall über die Befindlichkeit. Konflikte werden hier nicht ausgetragen, sie werden dekorativ eingerahmt.
Natürlich hat das Charme. Wer seine existenziellen Zweifel gern bei einer Tasse Filterkaffee sortiert, wird sich verstanden fühlen. Aber das versprochene „Geheimnis des guten Lebens“ bleibt gut versteckt – irgendwo zwischen zu viel Zurückhaltung und zu wenig Risiko. Ein Album wie ein sorgfältig geführtes Tagebuch: ehrlich, reflektiert, manchmal berührend. Nur blättert man schneller weiter, als man gedacht hätte.
Feine Soul-Pralinen aus Belgien
Ich denke, es steht schon fest, dass es keine Parade der Nikoläuse geworden ist, sondernd ein Fest der bunten Eier, b.z.w. Musiken. Schließen wir das heute Kapitel mit ein wenig entspanntem Soul aus Belgien -wobei, „Movin’“ (Because Music) eigentlich verdammt spannend geworden ist.
Selah Sue hat sich mit dem Vater-Sohn-Duo The Gallands zusammen getan um im magischen Dreieck von Jazz, Soul und Pop elf Songs zu konzipieren. Stéphane Galland spielt dabei ein enorm dynamisches, kompliziert vertracktes, subtiles Schlagzeug, sein Sohn Elvis steuert sein typisches Rhodes-Piano-Spiel bei, nuanciert aber doch prägend für den Sound, Federico Pecoraros zeichnet für Bass, Gitarren und Streicharrangements verantwortlich.
Ja und Selah Sue selbst klingt mal ein wenig nach Amy Winehouse, nach Lauryn Hill oder auch nach Alicia Keys oder Corinne Bailey Rae wenn sie die soulige Schmusekatze wie in „You & Me“ gibt. Sollte man sich auf alle Fälle nicht entgehen lassen!




