Eine Epoche ist zu Ende: Trauer um Wolf-Dieter Hamperl beim Tachau-Jubiläum

Eine Epoche ist zu Ende: Trauer um Wolf-Dieter Hamperl beim Tachau-Jubiläum
Am Wochenende wurde die 70-jährige Patenschaft zwischen Weiden und dem Heimatkreis Tachau gefeiert. Einer, der diese Verbindung über Jahrzehnte geprägt hatte, fehlte schmerzlich: Dr. Wolf-Dieter Hamperl. 36 Jahre lang stand er an der Spitze des Heimatkreisvereins Tachau. Am Mittwoch, nur drei Tage vor der Jubiläumsfeier, erlag der 83-Jährige seiner schweren Erkrankung.
„Das war eine Epoche“
Die Gemeinschaft der Vertriebenen verliert mit ihm einen außergewöhnlichen Kenner der Geschichte des Tachauer Landes. Sein Wissen hielt Hamperl in zahlreichen Büchern fest, darunter „Flucht und Vertreibung“ und „Die verschwundenen Dörfer“. In seine Amtszeit fiel auch die Eröffnung des gemeinsam mit Dr. Sebastian Schott neu konzipierten Tachauer Heimatmuseums, das weit mehr ist als eine Heimatstube mit Erinnerungsstücken. Die zweisprachige Dauerausstellung erzählt Geschichte multiperspektivisch – von Heimat und Vertreibung bis zum Neuanfang.
Als Reisen in die frühere böhmische Heimat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder möglich wurden, führte Hamperl Kulturrundfahrten ein. Vor allem aber knüpfte er über die Jahre zahlreiche Kontakte nach Tschechien, auf denen der Verein heute aufbauen kann. Sein Stellvertreter Manfred Klemm sprach am Sonntag vom Verlust des „Königs“ Hamperl: „Das war eine Epoche.“ In seinem Sinne wolle man die Erinnerung lebendig halten.
Schon in den letzten zwei Jahren wurde die Verantwortung im Verein auf mehrere Schultern verteilt. Nun sollen vor allem die Verbindungen nach Tschechien weiter ausgebaut werden. Klemm begrüßte am Sonntag mehrere tschechische Gäste, darunter Rene Milfait aus Marienbad und Pavel Vetrak aus Tachau. „Eine Ära ist zu Ende“, sagte Klemm. Zugleich machte er deutlich, dass es weitergeht: „Jetzt wollen wir etwas Neues aufbauen. Wir sind kein toter Verein.“
Rund 50 Gäste kamen am Sonntag zum Festakt anlässlich der 70-jährigen Patenschaft. Unter ihnen waren neben Vertretern des Heimatkreisvereins und Gästen aus Tschechien auch Bezirkstagsvizepräsident Lothar Höher, außerdem der Bruder des verstorbenen Vorsitzenden, Dr. Winfried Hamperl.
Erinnerung muss Widersprüche aushalten
Die Bedeutung der Erinnerungskultur betonten auch die Redner. Bürgermeister Jürgen Meyer, dessen Großeltern aus Schlesien stammen, weiß: „Heimat ist mehr als ein Punkt auf einer Karte.“ Rund 23.000 Menschen wurden ab 1945 aus dem Kreis Tachau zwangsausgesiedelt. Sie verloren Haus, Hof und Heimat.
Zur Geschichte gehören aber auch die Jahre davor: die nationalsozialistische Herrschaft, die Besetzung der tschechischen Gebiete und die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung, bevor 1945/46 die deutsche Bevölkerung vertrieben wurde. „Eine glaubwürdige Erinnerungskultur muss beides aushalten.“ Geschichte dürfe nicht „passend gemacht“ werden, müsse Widersprüche akzeptieren. „Darin liegt die Verantwortung unserer Generation.“
Festrednerin: Erinnerung geht nur gemeinsam
Festrednerin Christa Naaß, Präsidentin der Sudetendeutschen Bundesversammlung, sprach von „Verletzungen der Völker“, die bis heute nachwirken. Deutschland habe einen Krieg mit Millionen Toten ausgelöst. In der Reichspogromnacht 1938 brannte auch die Synagoge in Tachau. Gegen Kriegsende führten Todesmärsche mit KZ-Häftlingen durch den Kreis Tachau in Richtung Flossenbürg.
Doch mit dem Ende des Krieges endeten Leid und Gewalt nicht. Auch Naaß‘ Eltern gehörten später zu den Deutschen, die nach Kriegsende ihre Heimat verloren. Rund 15 Millionen Deutsche verloren durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat. Sie erinnerte an das Massaker von Aussig und den Brünner Todesmarsch, die exemplarisch für die „wilden Vertreibungen“ und Gewaltexzesse gegen Deutsche 1945 stehen. Sie zitierte aus einem Gedicht ihres Vaters, der besonders darunter litt, mit dem Verlust der Heimat auch seine Würde verloren zu haben und am Zufluchtsort nicht willkommen gewesen zu sein.
All das dürfe aus ihrer Sicht nicht vergessen werden. Aus der Generation der unmittelbar Betroffenen gibt es kaum noch Überlebende. Die Erinnerung müsse weitergetragen werden – zusammen mit den tschechischen Nachbarn. Ein Beispiel dafür nannte Christa Naaß in Brno (Brünn), wo jedes Jahr mit einem Versöhnungsmarsch an den Brünner Todesmarsch erinnert wird, bei dem 1945 rund 20.000 deutschsprachige Einwohner zu Fuß zu Grenze getrieben wurden.
Anekdote vom Grenzlandturm
Dr. Sebastian Schott, Leiter des Stadtarchivs und Stadtmuseums Weiden, ließ die 70-jährige Geschichte der Patenschaft aufleben. Dazu gibt es aktuell auch eine Fotoausstellung im Erdgeschoss des Alten Schulhauses. Für frühere Treffen des Heimatkreises Tachau musste noch die Mehrzweckhalle angemietet werden. „Heute sind wir im Ratskeller.“
Oberbürgermeister Hans Schelter (SPD) war ein großer Unterstützer des Anliegens. Die 1956 geschlossene Patenschaft sollte den aus Stadt und Kreis Tachau Vertriebenen in Weiden eine „seelische Heimatstatt“ geben und helfen, ihre Geschichte und Kultur zu bewahren. Ein frühes Symbol dafür war der Grenzlandturm bei Bärnau, den die Stadt 1957 erwarb. Von hier konnten Vertriebene in Richtung ihrer böhmischen Heimat blicken. Schott erzählte vom Eklat im Jahr 1964, als vier ČSSR-Grenzsoldaten herüberkamen und sich vom völlig überrumpelten Turmwächter den Turm zeigen ließen – inklusive Ausblick.
Im Grenzlandturm entstand auch eine erste Heimatstube. Nach mehreren Umzügen fand die stetig wachsende Sammlung 1978 im Alten Schulhaus ihre dauerhafte Bleibe. Schott betonte, dass die Pflege dieser besonderen Patenschaft auch seinen Vorgängerinnen an der Spitze von Stadtarchiv und Stadtmuseum, Elisabeth Krauß und Petra Vorsatz, stets ein wichtiges Anliegen gewesen sei. Für die Stadt habe die Verbindung zu Tachau ohnehin einen besonderen Stellenwert: Alle Weidener Oberbürgermeister hätten die Patenschaft unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit gepflegt. Auch OB Benjamin Zeitler sprach am Samstag am Gedenkstein in der Kurt-Schumacher-Anlage.
Banger Blick nach Sachsen-Anhalt
Einen aktuellen Akzent setzte Christa Naaß, die den Bogen in die Gegenwart schlug. In vielen Bundesländern und Ländern Europas hätten „nationalistische und kommunistische Parteien immer mehr Zulauf“, warnte sie. Mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt äußerte sie die Hoffnung, dass dort eine demokratische Mehrheit zustande komme. „Menschen scheinen aus der Geschichte nicht gelernt zu haben. Das ist eigentlich das Erschreckende dabei.“
Ihre Konsequenz daraus: „Wir brauchen mehr Erinnern denn je.“ Nötig seien ein gemeinsamer Einsatz für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und gegen rechtes Gedankengut. Ebenso wichtig sei ein verstärkter Einsatz für Europa. „Europa hat uns allen Frieden gebracht. Und diesen Frieden wollen wir nicht aufs Spiel setzen.“













