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Taxi-Zentrale Weiden
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100 Tage OB Benjamin Zeitler: Es ist Zeit für Entscheidungen - Das große Interview

Weiden. Stadtstrand, Social Media und schnelle Entscheidungen sind die sichtbare Seite. Doch was bewegt Benjamin Zeitler hinter den Kulissen? Im großen 100-Tage-Interview spricht Weidens neuer Oberbürgermeister über fehlende Gewerbeflächen, den engen Haushalt, Kliniken und Windkraft – und darüber, warum er im Rathaus vor allem eines will: Tempo.

Weiden. Stadtstrand, Social Media und schnelle Entscheidungen sind die sichtbare Seite. Doch was bewegt Benjamin Zeitler hinter den Kulissen? Im großen 100-Tage-Interview spricht Weidens neuer Oberbürgermeister über fehlende Gewerbeflächen, den engen Haushalt, Kliniken und Windkraft – und darüber, warum er im Rathaus vor allem eines will: Tempo.
OB Benjamin Zeitler bei der Mitarbeiterversammlung. Foto: Stadt Weiden

100 Tage OB Benjamin Zeitler: Es ist Zeit für Entscheidungen - Das große Interview

Herr Oberbürgermeister, Sie sind gestern aus dem Urlaub zurück, der erste Weg hat zum Stadtstrand geführt. Was haben Sie sich da für einen Cocktail gegönnt? Auf Instagram habe ich ein blaues Getränk gesehen.

Benjamin Zeitler: Das war nur der Becher. Tatsächlich habe ich mir einen Kirsch-Slush gegönnt. Ich trinke keinen Alkohol.

Haben Sie sich gut erholt in den letzten zwei Wochen?

Zeitler: Sehr, sehr gut. Wir waren als Camper unterwegs mit Zelt und der kleinen Tochter. Das ist für die Familie einer der schönsten Urlaube. Wir haben viel gesehen in Nordfrankreich. Paris waren wir auch einen Tag. Das war für die Familie jetzt eine ganz wichtige Zeit. Aber ich muss ehrlich sagen: Ich habe mich auch gefreut, dass es jetzt wieder losgeht.

Sie hatten in den ersten 100 Tagen im Amt – inzwischen sind es sogar schon 120 – gefühlt keine ruhige Minute. Wie halten Sie dieses Tempo durch?

Zeitler: Also erstmal ist es unsere Arbeitsbeschreibung: immer alles zu geben für die Stadt. Zum Zweiten bin ich schon immer unterwegs gewesen und habe schon immer Gas gegeben. Natürlich muss man auf sich achten, man muss sich sportlich fit halten. Ich laufe, meist morgens um 6.15 Uhr mit meinen Freunden vom Rehbühl. Abgesehen davon macht es ja auch Spaß. Es ist nicht so, dass ich das zwanghaft mache, sondern ich mache es, weil ich es gern mache.

Witron Zoiglbrotzeit
Witron Zoiglbrotzeit

Jeder kann es sehen: Im Stadtbild – der Streifen in der Sedanstraße ist weg, die Benebelungsanlage, der Strand – hat sich schon einiges geändert. Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie auf die Schnelle umsetzen konnten?

Zeitler: Tatsächlich ja. Es gibt diese kleinen Dinge, die man schnell entscheiden, schnell umsetzen, schnell machen kann. Ehrlicherweise haben auch kleine Dinge früher länger gedauert. Mir war es wichtig, einfach ein paar Signale zu setzen. Zum Zweiten laufen natürlich auch viele Dinge, die die Leute nicht sehen. Strategische Themen, große Themen. Ich habe eine super Mannschaft um mich. Die Energie ist positiv, die Stimmung gut. Die Bürger erwarten, dass Entscheidungen getroffen und Dinge umgesetzt werden. Das habe ich immer gesagt: Es ist Zeit für Entscheidungen.

Man kann beinahe jeden Ihrer Tage auf Instagram und Facebook verfolgen. Ist Social Media für einen Oberbürgermeister heute ein Muss?

Zeitler: Ich glaube, Social Media ist eine Riesenchance. Die Leute wollen sehen, was man tut. Politik ist transparenter geworden, und wir müssen da mitgehen. Man hat einen direkten Draht und bekommt auch direkte Rückkopplung.

Man muss dort aber auch ganz schön einstecken.

Zeitler: Allen Bürgern recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann. Man muss viel zuhören, eine Linie haben, Entscheidungen treffen und sie umsetzen. Und da gehört es dazu, dass Leute andere Meinungen haben. Das muss man aushalten. Ich habe in 25 Jahren Kommunalpolitik gelernt, dass das eigentlich nie persönlich gemeint ist. In Social Media ist der Ton manchmal schärfer. Gelassenheit ist da oft der richtige Weg.

Spatenstich für die Realschulen. Foto: Stadt Weiden

Stadtstrand schön und gut. Aber was tut sich hinter den Kulissen? Bei den großen Projekten, etwa den dringend benötigten Gewerbeflächen?

Zeitler: Das ist eines der wichtigsten Themen. Ich habe das dreigegliedert: Wir wollen bebaubare Bestandsflächen aktivieren, die durch Privatbesitz blockiert sind. Die zweite Ebene sind kleinräumige Gewerbeflächen im einstelligen Hektarbereich. Aber was wir wirklich dringend brauchen, sind große Flächen.

Wo wollen Sie die schaffen?

Zeitler: Für ein großflächiges Gewerbegebiet komme ich mit Landrat Andreas Meier immer mehr in Richtung einer interkommunalen Lösung. Das erscheint mir Erfolg versprechend. Laut einem Gutachten der IHK fehlen der Nordoberpfalz weit über 100 Hektar Gewerbefläche, um sich wirtschaftlich weiterzuentwickeln.

Gibt es dafür schon konkrete Ansätze?

Zeitler: Ich hatte alle Umlandbürgermeister bei mir – ein Treffen in dieser Form gab es bisher noch nicht. Wir haben darüber gesprochen, wo mögliche Potenzialflächen liegen. Unsere Unternehmen sollen sich am Standort weiterentwickeln können. Und am Ende müssen wir auch wieder neue Firmen von außen holen. Das geht aber erst, wenn wir die Flächen dafür haben.

Beim Personal hat es ja einige Veränderungen gegeben im Haus, unter anderem in der Kämmerei. Ein neuer Kämmerer kann aber auch nicht zaubern.

Zeitler: Der Haushaltsrahmen ist, positiv formuliert, sehr eng. Wir haben Lücken im Haushalt. Ich bin jetzt schon in der Haushaltsplanung 2027, eventuell werden wir für 2026 nochmal Maßnahmen treffen. Dabei unterscheide ich zwischen Sparen und effizienter werden. Wir schauen uns an, wo wir Kosten senken oder Aufgaben anders lösen können, ohne dass das Ergebnis schlechter wird. Was ich nicht machen werde, ist einfach Dinge zu streichen oder Einrichtungen zu schließen. Das wird es nicht geben.

Der Haushalt wird in dieser Periode das dominante Thema sein. Wir müssen da wieder in positives Fahrwasser kommen.

Die großen Weidener Themen

  • Turnerbund-Gelände: Bauleitplanung soll 2027 abgeschlossen werden. Ziel ist ein Baustart 2028. Geplant ist vor allem mehrgeschossiger Wohnungsbau.
  • SV-Gelände: Ebenfalls Abschluss der Bauleitplanung 2027 und möglicher Baustart 2028. Vorgesehen ist eine Mischung aus Ein- und Mehrfamilienhäusern.
  • Josefshaus: Das Vorhaben wäre grundsätzlich genehmigungsfähig. Es fehlen aber noch Unterlagen des privaten Bauherrn. Die Stadt sei mit ihm im Austausch.
  • Alter Volksfestplatz: Vorrang hat die neue Feuerwehr. Der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan ist gefasst. Ziel für die Fertigstellung der Feuerwehr bleibt der Zeitraum um 2030 bis 2032. Das gesamte Areal soll mitgedacht werden.
  • Schulen: Ganztagsbetreuung und laufende Großprojekte binden erhebliche Mittel. Die Clausnitzer-Schule wird gebaut, an der Albert-Schweitzer-Schule gibt es Container als Zwischenlösung. Der Realschul-Neubau liege exakt im Zeitplan. Pestalozzi-Schule: Die Sanierung läuft weiter, als Nächstes steht der Neubau der Turnhallen an.

Machen die neuen Vorstände Hoffnung, dass die Kliniken den Haushalt künftig weniger belasten?

Zeitler: Ich will vorausschicken: Jeden Euro, den wir an die Kliniken gegeben haben, haben wir nicht gern gegeben. Aber wir haben ihn gegeben, weil uns die Kliniken das wert sind.

Mit dem neuen Klinikvorstand Junghans arbeite ich sehr eng und vertrauensvoll zusammen. Er bringt mit seinem Fachwissen und seinen Erfahrungen aus Plauen viele neue Impulse ein. Das macht mich hoffnungsvoll.

Die größte Unsicherheit bleibt die Bundespolitik. In der Nordoberpfalz sind wir besser aufgestellt als andere Regionen. Unsere Vorgänger haben mit dem Zusammenschluss und auch mit notwendigen Schließungen gute Vorarbeit geleistet.

Eine interessante Personalie ist Markus Kindsgrab, der schon einmal im Rathaus war und jetzt aus Windischeschenbach zurückgekehrt ist. Sie kennen ihn schon länger?

Zeitler: Tatsächlich, wir sind Schulkameraden. Das hat mit der Stellenbesetzung aber nichts zu tun. Mir war wichtig: Markus Kindsgrab ist erfahren hier im Haus, hat hervorragende Arbeit geleistet und kommt mit einer ganz anderen Sicht auf Kommunalpolitik zurück. Er passt genau auf diese Scharnierstelle zwischen Verwaltung, Politik und mir.

Was hat Sie denn am Team im Rathaus am meisten überrascht?

Zeitler: Ich sehe hier eine absolut leistungsfähige, motivierte und engagierte Mannschaft. Was wir pro Tag wegwuppen an Anfragen, an Themen, das ist wirklich beeindruckend. Wir haben enormes Potenzial. Nichtsdestotrotz braucht es Strukturen, Führung und klare Ziele. Wir haben zum Beispiel sofort eine Mitarbeiterversammlung und inzwischen eine Führungskräfteklausur gemacht – das gab es in dieser Form noch nicht. Dabei ging es um die Frage: Wo wollen wir hin? In welche Richtung soll unser Schiff fahren?

Bei den Großprojekten habe ich Jour fixes mit allen Fachbeteiligten eingeführt. Da geht es darum, kritische Punkte schnell zu lösen und zu sehen, wo wir Entscheidungen treffen müssen.

Ich habe zwei Stabsstellen gegründet. Markus Kindsgrab kümmert sich um Projektmanagement und Strategie. Mir war außerdem wichtig, Wirtschaftsförderer Dr. Fabian Liedl herauszuheben und das Thema Wirtschaft ganz dominant nach vorne zu bringen. Das ist eine wesentliche Säule in dieser Periode: Vorfahrt für Wirtschaft.

Betriebsbesuch bei Seltmann. Foto: Stadt Weiden
Betriebsbesuch Gebacon mit OB Benjamin Zeitler. Foto: Stadt Weiden

Vorfahrt für Wirtschaft: Sie waren schon bei einigen Firmen. Was haben Sie da mitgenommen?

Zeitler: Ich bin wahnsinnig gerne draußen bei den Unternehmerinnen und Unternehmern, weil ich dort erlebe, welche leistungsfähigen Unternehmen und Mitarbeiter wir in Weiden haben – und welche Vielfalt. Das hinterlässt bei mir einen positiven Blick. Diesen Oberpfälzer Willen, Dinge zum Erfolg zu bringen, sieht und spürt man dort.

Wer zum Beispiel?

Zeitler: Da gibt es viele. Einhäupl etwa, ein Unternehmen, das sich über Generationen immer wieder transformiert hat – von einem kleinen Handwerksunternehmen zu einem deutschlandweit führenden Verzinkerei-Betrieb. Gebacon ist für mich auch so ein Beispiel. Wer weiß in Weiden schon, dass fast jede ICE-Schnauze einmal zur Reparatur hier war?

Ich möchte diese Hidden Champions wieder stärker ins Rampenlicht rücken. Mir fehlt in Weiden manchmal der Blick auf die positiven Dinge. Wir fokussieren uns sehr auf das, was nicht funktioniert oder nicht klappt. Das ist wichtig. Aber wir müssen auch wieder stärker sehen, was hier wirklich gut läuft.

Aber Sie hören bei den Firmen sicher auch, wo es hakt? Teilweise Kurzarbeit bei Bauscher und Seltmann, Entlassungen bei Witt – die Situation war schon einmal einfacher.

Zeitler: Natürlich. Die Rahmenbedingungen am Standort Deutschland sind nicht die einfachsten. Deshalb müssen wir schauen, was wir vor Ort tun können, um die Firmen zu unterstützen – etwa bei Bauthemen, Erweiterungsmöglichkeiten oder Energiefragen. Und als Politiker nehme ich diese Themen auch mit auf die Bundesebene, wo wir entsprechend vernetzt sind.

Zurück zum Stadtrat: Die SPD hat Ihnen die Vergabe der Bürgermeisterposten an CSU und Bürgerliste übelgenommen. Wie hat sich die Zusammenarbeit seitdem entwickelt?

Zeitler: Ich möchte, dass in den Gremien entschieden und nicht nur debattiert wird. Die ersten Sitzungen zeigen, dass das funktioniert – im Wesentlichen einstimmig oder mit großen Mehrheiten. Ich habe einen sehr engen Draht zur SPD-Fraktionsvorsitzenden, aber auch zu den anderen Fraktionsvorsitzenden. Ich spreche mit allen.

Aber am Ende ist die Erwartung an mich als Oberbürgermeister, dass ich eine Linie habe und die auch durchziehe. Demokratie ist Mehrheit. Das ist so. Die Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat haben sich gedreht. Dass sich nicht jede Partei in der Führung widerspiegeln kann, sondern eher die, die die Mehrheit bilden, ist ein demokratischer Prozess.

Erstaunlicherweise: In anderen Städten, wo die CSU abrasiert wurde, in Bamberg, in Amberg, hatte ich nicht den Eindruck, dass Demokratiefragen gestellt wurden.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihren drei stellvertretenden Bürgermeistern?

Zeitler: Wir arbeiten sehr eng, vertrauensvoll und abgestimmt zusammen – da passt wirklich kein Blatt zwischen uns. Und das Schöne ist: Es geht nicht nur um Vertretung. Jeder bringt eigene Impulse ein – Stephan Gollwitzer etwa bei Bundeswehr und Vereinen, Jürgen Meyer bei Friedhof und Kultur und Saskia Kosmus bei Themen der jungen Generation. Das finde ich richtig klasse.

OB Benjamin Zeitler mit den Bürgermeistern (von links) Jürgen Meyer, Saskia Kosmus und Stephan Gollwitzer (rechts). Foto: Christine Ascherl

Laura Weber von den Grünen fordert: Klimaschutz muss Chefsache sein. Läuft sie da bei Ihnen nicht offene Türen ein?

Zeitler: Klimaschutz ist für mich keine eigene Säule, sondern eine Querschnittsaufgabe – beim Bauen, bei Liegenschaften oder bei der Mobilität. Ich bin selbst Nachhaltigkeitsberater, deshalb liegt mir das Thema sehr am Herzen.

Aber ich glaube, wir müssen ein bisschen aufpassen: Manchmal ist mir die Diskussion zu laut und zu wenig in der Sache effektiv. Wir haben durch die laute Debatte viele Menschen verloren. Das hat der Sache mehr geschadet als geholfen.

Wenn wir zeigen, dass Klimaschutz auch den Geldbeutel fördert und uns in eine bessere Zukunft führt, können wir mehr Menschen dafür gewinnen. Das ist jetzt gar nicht auf Laura Weber bezogen, sondern allgemein.

Beim „Weidener Weg“ sind inzwischen drei Vorrangflächen für Windkraft festgelegt. Wie ist der Stand?

Zeitler: Wir sind gerade in Gesprächen mit den Eigentümern und haben erste Rückmeldungen bekommen. Im Herbst wird es wahrscheinlich ein neues Update geben. Im Moment ist keine Windkraftanlage in Planung, auch nicht von Dritten.

Rund um Weiden sind andere schon weiter. In Tännesberg etwa wird bereits gebaut.

Zeitler: In Tännesberg wird gebaut, und dort sind auch die Stadtwerke Weiden beteiligt. Man muss nicht zwingend Windräder in Weiden haben, um sich an der Energiewende zu beteiligen. Das ist vielleicht auch eine wichtige Erkenntnis.

Zum Schluss nochmal zurück zum Stadtstrand: Welche Rolle spielt der Input der neuen jungen Fraktion der Jungen Liste im Stadtrat?

Zeitler: Ich finde es total erfrischend, dass die dabei sind. Die haben einen ganz anderen Blick auf die Dinge. Und ich rechne ihnen hoch an, dass sie nicht bloß laut rumschreien und fordern. Meine Botschaft ist: Dann macht doch! Kommt mit Vorschlägen! Wir hatten dieses Jahr erstmals das Sommerkino, wir haben den Stadtstrand …

Kommt da heuer noch was?

Zeitler: Wir haben gerade eine ganz engagierte Gastronomie, nicht nur in der Innenstadt, sondern auch darüber hinaus. Im Herbst machen wir zum Beispiel noch eine „Baustelle is over“-Party. Die Baustelle hat Belastungen gebracht, das kann man nicht komplett wegargumentieren. Deshalb haben wir gesagt: Wir unterstützen, dass man noch einmal ein Fest miteinander macht.

Ich fordere die Jugend schon auf: Wenn ihr Ideen habt, wir machen Dinge möglich. Ich habe kürzlich ein Video von Hans Schröpf gesehen, von der Love Parade damals in Weiden um 2000. Da waren 10.000 Leute in der Stadt. Schröpf hat damals sinngemäß gesagt: Die jungen Leute muss man einfach mal machen lassen. Das ist für mich schon ein bisschen Leitfaden.

Stadtstrand Weiden Eröffnung. Foto: Destiny Washington