Tanja Kippes schreibt Geschichte: Neustadt/WN wählt erste Bürgermeisterin

Tanja Kippes schreibt Geschichte: Neustadt/WN wählt erste Bürgermeisterin
Liebe Tanja, wie geht’s? Vom Wahlabend schon erholt?
Tanja Kippes: Am Montag war ich unendlich müde, wir haben gefeiert bis um 2 Uhr. Und gescheit geschlafen habe ich dann auch nicht, ich war viel zu aufgewühlt. Ich bedanke mich bei allen Wählern.
Du bist Lehrerin einer fünften Klasse an der Mittelschule Windischeschenbach. Hast du gestern ganz normal Unterricht gehalten?
Tanja Kippes: Ja, ganz normal, ich war in der Schule. Ich bin nicht ganz unglücklich, wenn ich den Schulalltag ab Mai hinter mir lassen kann. Der Spagat zwischen Schule und dem zweiten Bürgermeisteramt war kräftezehrend.
Wie haben deine Schüler reagiert?
Tanja Kippes: Die Schüler haben sich gefreut, haben aber auch geweint. Ich fahre mit ihnen nach Ostern noch ins Schullandheim. Wir nehmen Abschied voneinander. Heute haben sie mir eine Überraschungsparty mit Luftballons und Kuchen bereitet.
Es war unglaublich knapp. Am Ende lagen 35 Stimmen Unterschied zwischen dir und Sebastian Giering. Wie hast du den Wahlabend – diese halbe Stunde der Auszählung – erlebt?
Tanja Kippes: Um 18.09 Uhr kam das erste Ergebnis vom Wahllokal Grenzschule. Da lag ich abgeschlagen hinten bei 43,5 Prozent, Sebastian bei 56,5. Ich habe mich tatsächlich auf beide Szenarien eingestellt. Dann kamen die beiden anderen Wahllokale dazu und ich bin etwas an Sebastian herangerückt. Entscheidend waren dann die Briefwahllokale. Da hat sich das Ergebnis umgedreht.
Kaum auszuhalten, oder?
Tanja Kippes: Es waren so viele Leute da, Familie, viele Freunde und Unterstützer. Ich war so abgelenkt, dass ich gar nicht zum Denken gekommen bin. Es war ein Riesenplus, dass ich nicht alleine war.
Du bist in Neustadt geboren, damals gab es noch ein Krankenhaus mit Geburtsstation. Du bist in Neustadt/WN aufgewachsen, zur Schule gegangen, hast dich nach dem Studium sofort hier niedergelassen. Was bedeutet es für dich, jetzt Bürgermeisterin deiner Heimatstadt zu sein?
Tanja Kippes: Eine riesengroße Verantwortung, aber auch eine riesengroße Freude, weil ich jetzt diese ganzen Erfahrungen aus meinen 52 Jahren einbringen kann. Ich fühle mich da halt so unendlich wohl und getragen von den Bürgerinnen und Bürgern. Ich bin am Montag mit dem Rad durch die Stadt gefahren. Da wird gelacht, gegrüßt, der Daumen hoch gezeigt.
Dein Vater Ludwig Bayer hat 1990 selbst um dieses Amt kandidiert, ist damals an Gerd Werner gescheitert. Welche Rolle spielt er für deine politische Tätigkeit: Was hat er dir auf diesen Weg mitgegeben?
Tanja Kippes: Er ist mir ein riesengroßes Vorbild. Mein Papa war 36 Jahre Stadtrat, auch stellvertretender Landrat. Wir sind mit Kommunalpolitik aufgewachsen. Er war immer viel unterwegs, selten einen Abend zu Hause. Ich habe das nie so empfunden, dass ihm das zu viel wurde. Er hat das immer mit Freude gemacht. Ich bin auch viel unterwegs. Ich mag das, unter Menschen zu sein.
Was sind aus deiner Sicht die drei wichtigsten Themen für Neustadt/WN?
Tanja Kippes: Die Themen waren bereits in der Vorperiode besprochen. Dort gilt es anzuknüpfen. Mein erstes Anliegen ist, dass in der Freizeitanlage wieder Leben einkehrt. Das Planschbecken muss nutzbar gemacht werden. Ich weiß, dass das schwierig wird. An meinem Kühlschrank hängt der Leitspruch: Geht nicht, gibt’s nicht. Dazu brauche ich die Unterstützung von Verwaltung und Bauhof. Ich bin nicht der Großprojektler, der eine Landesgartenschau will. Es muss nicht immer die große Lösung sein: Du reißt ein altes Haus auch nicht ab, wenn du ein neues Bad willst. Das gilt auch für das Thema Feuerwehr/Bauhof: Die Auslagerung des Bauhofs zum Hochbehälter ist eine gute Möglichkeit, um Platz für die Feuerwehr zu schaffen.
Der Neustädter Stadtrat hat 20 Sitze: die CSU hat 8, die SPD 7, Freie Wähler 3 und die Wählergruppe Bürgerdialog 2. Du wirst dir die Mehrheiten suchen müssen.
Tanja Kippes: Ja, wobei sich die Zusammensetzung etwas bewegt hat. Das Kennenlernen der gegenseitigen Positionen wird sicher zu guten Lösungen führen.
Der Neustädter Stadtrat ist auch nicht gerade für Harmonie berühmt. Willst du das ändern – und wie?
Tanja Kippes: Diese Wahrnehmung ist falsch. Das ist nicht so. Es war in den letzten sechs Jahren einfach so, dass die Beschlüsse nicht wirklich vorbereitet waren. Es wurden Ideen in den Stadtrat hineingeworfen, über die wir dann ad hoc entscheiden sollten. Wenn wir Bedenken äußerten, wurde der Eindruck erweckt, die CSU wäre gegen alles. Dabei waren wir einfach im Vorfeld zu wenig eingebunden. Das will ich ändern. Ich will die Fachexpertise aus dem Stadtrat vorher mit heranziehen. Mein Vorbild ist Rupert Troppmann, den ich sechs Jahre als Bürgermeister im Stadtrat erlebt habe. Unter Rupp gab es sehr viele einstimmige Entscheidungen. Er hat das immer grandios vorbereitet, Annette Karl von der SPD immer einbezogen.
Sind die Wunden aus dem Wahlkampf schon geheilt? Es wurde ja doch mit harten Bandagen gekämpft.
Tanja Kippes: Ich wüsste nicht, welche Wunden wir hätten. Ich habe keine einzige Wunde. Die CSU hatte drei Infostände, bei denen ich Primeln verteilt habe. Ich habe über Sebastian nicht eine einzige negative Äußerung gemacht. Das könnte ich gar nicht. Ich mag ihn und hoffe, dass er sich weiterhin einbringt.
Das Wohnbauprojekt am Felixberg sorgt für Protest bei den Felix-Bürgern. Wie ist da der Stand und das weitere Vorgehen?
Tanja Kippes: Ich habe vor der Podiumsdiskussion mit Daniel Sper von der Midco-Gruppe telefoniert. Er sagt, sie müssten die Normenkontrollklage abwarten, hätten aber inzwischen viel in das frühere Krankenhaus investiert. Untergebracht sind hier Neuansiedlungen, Telefonseelsorge und wie bisher NEW Life und Schulamt. Sie haben aber nach wie vor den Plan, das Wohnbauprojekt zu verwirklichen. Ich werde im Mai wieder das Gespräch suchen. Die Wählergruppe Bürgerdialog wird darüber noch sprechen wollen. Ich hoffe, dass man einen Kompromiss findet. Grundsätzlich brauchen wir in Neustadt/WN erschwinglichen Wohnraum für Familien, Singles, Senioren.
Mit dir gibt es im Landkreis Neustadt vier Bürgermeisterinnen. Im Neustädter Stadtrat sind fünf von 20 Stadträten weiblich. Warum sind Frauen noch immer so stark unterrepräsentiert – im Jahr 2026?
Tanja Kippes: Diese Frage stellst du mal der Leserschaft. Für mich ist das überhaupt nicht nachvollziehbar. Es kommt aus meiner Sicht überhaupt nicht darauf an, ob du Frau oder Mann bist, sondern was du machst. Mich freut, dass unsere Kandidatinnen der CSU, Marianne Lebegern und Birgit Trottmann, im Stadtrat sind.
Dein Mann Michael, mit dem du seit der Schule zusammen bist, kann offenbar gut damit leben, dass du in der ersten Reihe stehst. Was ist er jetzt: First Gentleman?
Tanja Kippes: Wir waren sogar schon im Kindergarten miteinander: bei Resi, Heidi und Gertraud im Kindergarten St. Martin. Michl hat die ersten sechs Lebensjahre in Neustadt/WN verbracht. Er ist mein erster Berater. Die ganze Familie steht hinter mir. Johanna und Ben haben in den Tagen vor der Wahl für mich geworben. Dazu wurden sie natürlich nicht gezwungen. Das war ihnen wichtig.
Was steht heute noch an?
Tanja Kippes: Ich muss ins Rathaus, weil ich Sebastian Giering in seinem Urlaub vertrete. Und natürlich in die Schule, am Nachmittag ist dann Bauausschusssitzung.
Den Fernsehabend mit Tagesschau und Krimi – gibt es sowas im Hause Kippes in der Gramau überhaupt?
Tanja Kippes: Ja, das machen wir schon auch. Vielleicht nicht die Tagesschau um acht, sondern eher die Nachrichten um dreiviertel zehn. Manchmal auch per Stream aus der Mediathek.







