Baby und Smartphone: Was Eltern über die Folgen wissen sollten

Baby und Smartphone: Was Eltern über die Folgen wissen sollten
Mehr als 350 Fachleute nahmen an dem Fachtag zu frühkindlichen Regulationsstörungen in der Weidener Max-Reger-Halle teil. Organisiert wurde die Veranstaltung von Dr. Christian Rexroth von der neuen medbo-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Der Vortrag von Dr. Julia Berkic vom Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz wurde mit besonderem Interesse erwartet. Die Diplom-Psychologin und Bindungsforscherin sprach über „Baby oder Smartphone im Blick? Mediennutzung in der frühen Kindheit“. Ihre Erkenntnisse: alarmierend. Die gute Nachricht: Es ist nicht alles verloren. „Wir wollen jetzt nicht, dass jeder sein Handy wegschmeißt, wenn das erste Kind geboren ist. Aber wir müssen lernen, mit diesen Geräten gut umzugehen.“
Kinder brauchen Interaktion mit Eltern
Ihr Institut hat zum Thema eine Broschüre aufgelegt, neuerdings auch ein Leporello in einfacher Sprache. Es geht um die Nutzung von Smartphones durch die Eltern, aber auch durch kleinste Kinder. „Seit vielen Jahren hat man das Gefühl, dass es nicht gut ist, wenn da immer ein technisches Gerät zwischen Kind und Eltern ist“, sagt Dr, Julia Berkic. Inzwischen hat man empirische Daten dazu, was besonders schädlich ist. Man wolle nicht Angst machen, wolle nicht moralisieren. „Wer beschämt wird, hört nicht zu.“
Aber es sei wichtig, auf die Effekte hinzuweisen, die Smartphones auf die Eltern-Kind-Beziehung haben. Speziell auf die Regulationsfähigkeit, die sich bei Babys erst entwickeln muss. Es lernt von den Eltern, mit schwierigen Situationen umzugehen, und kann das im Idealfall später selbst.
Erwachsene sehen alle elf Minuten auf ihr Handy
Dazu braucht es die Eltern. Fast alle deutschen Erwachsenen haben ein Handy und verbringen damit mehr als vier Stunden am Tag. Die hohe Nutzungszeit kommt zustande, dass das Handy schon lange kein Telefon mehr ist, sondern ein Alles-Organisierer. „Wir alle kennen das Phänomen, dass wir absorbiert werden durch all diese Funktionen“, sagt Dr. Julia Berkic. Durchschnittlich 88 Mal sieht ein Mensch auf das Handy-Display, also alle elf Minuten, selbst wenn das Handy gar kein Geräusch macht.
Was macht das Handy mit der Eltern-Kind-Beziehung? Es unterbricht den Kontakt. Die Psychologin zeigt in der Max-Reger-Halle einen Film. Eine Mutter macht Späße mit ihrem Kind, das in der Babywippe liegt. Dann greift sie zum Handy, weil eine Nachricht kommt. Ein kurzer Blick sei nicht das Problem, sagt Dr. Julia Berkic. „Aber wenn ich hängen bleibe, dann ist es wirklich Stress für das Kind.“ Im Film strampelt es, bricht irgendwann in Tränen aus.
Zahl der Bade- und Haushaltsunfälle ist gestiegen
Der Versuchsaufbau gleicht dem bekannten Still-Face-Experiment, wenn die Mimik der Mutter einfriert. Kinder reagieren physiologisch stark erregt, versuchen sich erst, selbst zu beruhigen, dann entgleisen sie und zeigen starke negative Gefühle. „Wir sind für sie der Spiegel zur Welt, ob alles in Ordnung ist.“ Wenn das wegfällt, merken Kinder sehr schnell, dass sie sich nicht selbst regulieren können. Smartphones lenken in einem viel höheren Maß ab, als etwa Wäsche zusammenlegen, Kochen oder analoges Lesen. Man sieht es auch an Versicherungsdaten: Die Zahl der Haushalts- und Badeunfälle ist gestiegen.
Es gibt israelische und amerikanische Studien zur Smartphonenutzung auf Spielplätzen und in Schnellrestaurants. Das Ergebnis entspricht dem Eindruck, den man ohnehin hat: Bei 40 bis 100 Prozent der Mahlzeiten werde parallel das Smartphone genutzt.
Eine gute Seite des Smartphones für junge Eltern nennt die Psychologin aber durchaus. Für eine isolierte junge Mutter könne es ein Fenster zur Welt sein, eine „Depressionsprophylaxe“. Dr. Julia Berkic empfahl in Familien smartphonefreie Zeiten, abgeschaltete Benachrichtigungen und einen festen Ablageplatz fürs Gerät – etwa eine „Handygarage“. Das Institut entwickelt gerade einen solchen Aufbewahrungsort als Give-away.
Schon vor dem ersten Geburtstag ein Smartphone in der Hand
Der zweite Teil ihres Vortrags: das Smartphone in Kinderhand. 72 Prozent bekommen es schon vor dem ersten Geburstag in die Hand. Sie gucken Videos und Fotos, bekommen Videoanrufe.
Dabei überschätzen laut Dr. Julia Berkic viele Eltern, was das Kind wahrnehmen könne. Im ersten Lebensjahr sei ein Handy nur „eine blinkende, geräuschmachende Reizquelle“. Sie können keine Unterscheidung zwischen Bild und Wirklichkeit treffen, eine Verarbeitung ist nicht möglich. Tippen und Wischen erfolge zufällig. Erst zwischen einem und zwei Jahren entwickelt sich ein Verständnis für Bildhaftigkeit an.
TikTok und YouTube: „Auf keinen Fall!“
Die Bindungsforscherin erzählte von einem netten Papa, der ihr besorgt berichtete, seinem Sohn jeden Abend beim Zubettgehen einen Film vorzuspielen. Er zeige Regenwürmer, die er für ihn im Garten gefilmt habe. „Dieser Regenwurmfilm ist genau der Content, den ich für Zweijährige empfehlen würde“, lacht die Psychologin. Aber eben nicht „Paw Patrol“ oder „Cocomelon“, die sehr schnell geschnitten sind. Vor TikTok und YouTube warnt sie ausdrücklich: „Auf keinen Fall!“ Als geeignetere Formate nennt sie „Peppa Pig“ oder „Die Sendung mit dem Elefanten“.
Eine Stunde und 16 Minuten Bildschirmzeit täglich – und das bei gerade einmal sechs Monate alten Babys. Auf diesen Wert kam eine australische Untersuchung, bei der die Mediennutzung mit einem speziellen Aufnahmegerät erfasst wurde. Eine deutsche Studie ermittelte immerhin 29 Minuten täglich bei Kindern unter einem Jahr. In der Realität ist man damit weit weg von der WHO-Empfehlung.
Die Studien zeigen laut Dr. Julia Berkic auch, dass es ein Bildungsproblem ist. Die hohen Nutzungszeiten kommen in den bildungsfernen Familien vor. „Wir müssen gerade an die Familien ran, die da wenig Bewusstsein dafür haben.“ Denn gerade dort fehlen ausgleichende Schutzfaktoren.
„Wichtig ist, was am Tag sonst noch passiert“
„Excessive View“ (mehr als zwei Stunden pro Tag) hat negative Folgen auf Schlaf, Gewicht, Bewegung und Sprache. Wichtig ist, was am Tag sonst noch passiert. „Ein Kind, das viel hochwertige Betreuung hat, viel rausgeht, gut schläft und gesund ist, das wird auch von Screentime am Abend keine größeren gesundheitlichen Schäden davontragen.“
Wie kommt das Smartphone in Kinderhand? Immer dann, wenn Eltern nicht mehr können oder das Kind negative Gefühle zeigt – von Langeweile bis zum Wutanfall. Doch gerade in den ersten sechs Lebensjahren entwickeln sich wichtige Verbindungen zwischen den emotionalen, impulsiven und rationalen Bereichen des Gehirns. Dafür brauchen Kinder den Austausch mit Erwachsenen, die sie begleiten und ihnen helfen, mit Frust und Enttäuschung umzugehen. Ein Smartphone als Beruhigungsmittel kann diese Erfahrungen nicht ersetzen.
Dabei gehe es nicht um starre Verbote, betonte Dr. Julia Berkic. Es sei durchaus nachvollziehbar, das iPad auf einer langen Autofahrt nach hinten zu reichen, „wenn am Brenner alle durchdrehen“. Entscheidend sei der Unterschied zwischen Ausnahme und Routine.
Zähneputzen nur noch mit der App
Auf der zehnminütigen Fahrt zur Kita müsse es auch ohne Bildschirm gehen. Ähnliches gelte für das Wickeln oder Zähneputzen. „Ich höre so viele junge Eltern, die sagen: Nein, Zähneputzen geht ohne Zahnputz-App nicht mehr.“ Dabei sei es wichtig, dass Kinder lernen, auch kleinere unangenehme Situationen im Alltag zu bewältigen.
Es gibt auch Eltern, die es zu gut meinen: „eine Bubble an Eltern, die sich in falsch verstandener bedürfnisorientierter Erziehung verlieren“. Aus Sicht der Psychologin gibt es ein „Good enough“. Entscheidend ist, dass Kinder ausreichend gute Erfahrungen mit ihnen macht.
Infomaterial zur Smartphone-Nutzung
Das Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz (IFP) bietet im Rahmen des Projekts „Baby oder Smartphone im Blick?“ kostenloses Informationsmaterial für Eltern an. Dazu gehören die Broschüre „Baby oder Smartphone im Blick?“, das Faltblatt „Smartphones im Familienleben – Ein guter Start“ sowie ein kurzer Animationsfilm. Die Materialien informieren über die Auswirkungen der Smartphone-Nutzung auf die Eltern-Kind-Beziehung und geben praktische Tipps für den Familienalltag.
Weitere Informationen: https://www.ifp.bayern/de/projekt/baby-oder-smartphone-im-blick/




