Spitzenmedizin braucht keine Großstadt: Neue Ära in der Gefäßchirurgie am Klinikum Weiden

Spitzenmedizin braucht keine Großstadt: Neue Ära in der Gefäßchirurgie am Klinikum Weiden
Im Interview schickt PD Dr. Wojciech Derwich, MHBA, seinen höchsten Respekt für die Kliniken Nordoberpfalz vorneweg. „Das Haus hat sehr gute Strukturen. Es ist nach vorne, in die Zukunft orientiert.“ Er lobt die Politik für ihre mutigen Entscheidungen. Sie hätte mit der Zentralisierung die nötige Reform vorweggenommen. „Das hat natürlich eine gewisse Unruhe gebracht“, sagt Dr. Derwich. Aber letztlich ermögliche es das Beste für den Patienten.
Nur durch eine gewisse Zentralisierung ist es in seinem Bereich – der Gefäßchirurgie – möglich, Spitzenmedizin anzubieten. Drei Monate ist Derwich jetzt im Haus und sagt: „In der Gefäßchirurgie haben wir ein Portfolio, mit dem wir den Patienten gut versorgen können.“ Dass sich dieser Anspruch nicht nur auf dem Papier zeigt, lässt sich an einer neuen Operationsmethode ablesen.
Kleine Zugänge statt großen Bauchschnitts
Er hat in Weiden erstmals die endovaskuläre Aortenreparatur angewandt: Das Aneurysma wird über kleine Hautschnitte minimalinvasiv behandelt. Auf dem Tisch von Derwich liegt das Einführsystem für eine Stentprothese. Es sieht ein wenig aus wie eine Reitpeitsche, dünner als ein Finger. In der Spitze des biegsamen Stabs steckt eine eng gefaltete Stentprothese. Sie besteht aus stoffähnlichem Kunststoff und handvernähtem Metallgeflecht.
Dieses Implantat kann Leben retten. Die Schlagader im Bauch ist üblicherweise etwa zwei Zentimeter dick. An der Stelle eines Aneurysmas – einer Aussackung – wird sie dreimal so dick und droht zu reißen. „Wie bei einem Luftballon, den man zu sehr aufbläst.“ Derwich hat in Weiden eine Technik eingeführt, bei der der Katheter über die Leiste des Patienten eingeführt wird. Am Aneurysma entfaltet sich das Schirmchen und stabilisiert die Aorta von innen. Der Vorteil: Statt eines großen Bauchschnitts reichen kleine Zugänge. „Ab dem zweiten Tag laufen die Leute wieder herum.“
Effektivität durch kurze Wege
Derwich schätzt am Klinikum Weiden die kurzen Wege. Viele gute Ideen ließen sich dadurch deutlich schneller umsetzen. Bereits nach kurzer Zeit sei gemeinsam mit anderen Fachbereichen ein vaskuläres Neuroboard etabliert worden – eine interdisziplinäre Besprechung komplexer Gefäßfälle. Die Zusammenarbeit mit Radiologie, Kardiologie, Anästhesie und Notaufnahme funktioniere außergewöhnlich gut. Die Motivation der Kollegen sei enorm.
Seine Botschaft an die Bevölkerung: „Die Menschen müssen nicht automatisch nach Regensburg, Nürnberg oder Bayreuth. Vieles können wir inzwischen hier vor Ort anbieten.“ Auch niedergelassene Ärzte müssten diese Möglichkeiten erst kennenlernen. „Bei meinen Praxisbesuchen höre ich oft: Ach, das geht bei euch auch?“
Früherkennung kann Leben retten
Er sucht den Kontakt zu den niedergelassenen Kollegen auch zum Zwecke der Prävention. Zwar ist es nicht sinnvoll, jedes Aneurysma zu operieren. Ab drei Zentimetern gilt eine Aussackung als Aneurysma. Als Regel gilt: Operiert wird ab 5,5 Zentimeter Durchmesser bei Männern, ab 5 Zentimetern bei Frauen. Davor überwiege das OP-Risiko dem Risiko einer Ruptur (eines Risses).
Die Ruptur-Gefahr eines Baucharoten-Aneurysmas mit einem Durchmesser unter 5 Zentimetern ist mit weniger als 1 Prozent pro Jahr sehr gering. Deshalb sind die frühzeitige Erkennung, die regelmäßige Verlaufskontrolle und eine Behandlung erst nach Erreichen der kritischen Aneurysmagröße von entscheidender Bedeutung.
Wer erblich vorbelastet ist, sollte unbedingt regelmäßig eine Ultraschall-Kontrolle machen: kurzer Zeitaufwand, kaum Kosten. Denn: Wenn ein Aneurysma reißt, dann wird die Situation brandgefährlich. Aneurysmen der Bauchschlagader sind tückisch: Der Patient spürt erst Schmerzen, wenn es zu spät ist. Wenn die Aorta platze, sei das mit dem Platzen eines Gartenschlauchs zu vergleichen. Etwa ein Drittel der Patienten stirbt vor Erreichen des Krankenhauses. Nur ungefähr einer von fünf Patienten hat überhaupt eine Chance auf Überleben.
Nordoberpfalz: überdurchschnittlich alt und krank
Umso wichtiger seien eingespielte Abläufe. Der Anspruch der Gefäßchirurgie sei, bei einer Ruptur innerhalb einer Stunde nach Vorstellung im Haus bis zum Hautschnitt zu kommen. Hinter dieser Zielmarke stecken perfekt eingespielte Abläufe, die regelmäßig trainiert werden müssen. Auch das Material muss vorrätig sein – keine Selbstverständlichkeit. Eine einfache Aortenprothese kostet rund 10.000 bis 12.000 Euro.
Gerade in der Nordoberpfalz sei die Bevölkerung überdurchschnittlich alt und krank. Das sei nicht nur ein Gefühl, das ist Fakt. Und zwar auf ganz Deutschland gesehen. „Wir beschäftigen uns im Bundesdurchschnitt mit einer deutlich kränkeren Population.“ Gerade deshalb sieht Derwich in der Region einen besonderen Auftrag. Weil die Bevölkerung älter und im Bundesvergleich kränker sei, müsse moderne Gefäßmedizin möglichst wohnortnah angeboten werden.
Chirurgie bleibt Handwerk
Privat hat sich der Mediziner mit großer Freude in der Altstadt von Weiden niedergelassen. In fünf Minuten ist er zu Fuß an seinem Arbeitsplatz. Die Größe der Stadt erinnert ihn an seine Geburtsstadt in Polen. Der Gefäßchirurg ist in der Nähe von Poznań (Posen) aufgewachsen, wo er Medizin studiert hat, ehe er seine Ausbildung in Ulm fortsetzte. Sein gefäßchirurgisches Handwerk lernte er in Mannheim. Anschließend arbeitete er 13 Jahre am Universitätsklinikum Frankfurt, zuletzt als kommissarischer Leiter der Gefäßchirurgie. Das Thema seiner Habilitation? Wenig überraschend: die Vorhersage von Aneurysmarupturen.
Schon während seines Studiums habe ihn die Gefäßchirurgie fasziniert. Das Fach verbinde moderne Technik mit traditioneller Operation. Für junge Mediziner sei es attraktiv, weil die Weiterbildung klar aufgebaut sei: „Man beginnt mit kleinen Eingriffen und wächst Schritt für Schritt bis zu komplexen Aneurysma-Operationen.“ Neben Hightech bleibt für Derwich die klassische chirurgische Arbeit entscheidend. „Chirurgie ist ein Handwerk. Man muss stille Hände haben und einen starken Rücken.“ Viele können heute nur noch „stenten“. Derwich kann beides.










