Vom Akutkrankenhaus zur Geriatrie: Der KlinikScanner macht den Wandel sichtbar
Vom Akutkrankenhaus zur Geriatrie: Der KlinikScanner macht den Wandel sichtbar
Ein Blick in das Verzeichnis zeigt: Das Krankenhaus an der St.-Peter-Straße in Tirschenreuth hatte 2020 noch 140 Betten. Die Fachabteilungen waren deutlich breiter aufgestellt. In der Inneren Medizin gab es 66 Betten, in der Unfallchirurgie 46, in der Allgemeinchirurgie 17. Hinzu kamen Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
Ein deutlich anderes Bild
Heute sieht das Bild deutlich anders aus. Der KlinikScanner weist für 2024 unter anderem noch 49 Betten in der Inneren Medizin, 65 in der Geriatrie, 13 in der Unfallchirurgie und sechs in der Allgemeinchirurgie aus. Die Frauenheilkunde ist mit sieben Betten aufgeführt, die HNO-Abteilung mit null. Gleichzeitig dokumentiert das System eine Veränderung der Notfallversorgung: Seit dem 1. April 2024 besteht am Standort keine gestufte Notfallversorgung mehr.
Damit wird an einem einzelnen Krankenhaus sichtbar, was hinter den abstrakten Begriffen „Strukturwandel“ und „Krankenhausreform“ steckt: Abteilungen verändern sich, Betten werden abgebaut und die Aufgaben eines Standorts verschieben sich.
Aus einer Karte wird ein digitales Gedächtnis
Genau hier setzt der neue KlinikScanner an. Die von der Aktionsgruppe „Schluss mit Kliniksterben in Bayern“ entwickelte Plattform verbindet die offiziellen Krankenhausdaten des Statistischen Bundesamtes seit 2020 mit eigenen Recherchen. Dadurch soll nicht nur der aktuelle Zustand abgebildet werden. Auch frühere Zustände bleiben sichtbar.
Das ist ein entscheidender Unterschied zu einer klassischen Krankenhauskarte: Verschwindet ein Standort aus einem späteren Krankenhausverzeichnis, verschwindet er beim KlinikScanner nicht einfach von der Landkarte. Seine Geschichte bleibt dokumentiert. Nutzer können nachvollziehen, wie sich Bettenzahlen, Fachabteilungen und die Notfallversorgung verändert haben. Auch geplante Schließungen, Teilschließungen oder bedrohte Standorte werden erfasst. Für Tirschenreuth lässt sich damit auf einen Blick nachvollziehen, wie aus dem früheren Krankenhaus mit breitem akutstationärem Angebot der heutige Standort geworden ist.
Hinter dem Projekt steckt ein Entwickler aus der Region
Technisch neu entwickelt wurde der KlinikScanner von Manuel Jokiel – und der hat selbst einen engen Bezug zur Region. Der Mediengestalter, Programmierer und Softwareentwickler stammt aus der Oberpfalz und kennt die Diskussion um die Zukunft des Tirschenreuther Krankenhauses nicht nur aus der Ferne. Bereits in den vergangenen Jahren war Jokiel im Umfeld der regionalen Krankenhausdebatte aktiv. Sein Ansatz beim KlinikScanner ist deshalb bemerkenswert: Nicht nur der aktuelle Datenstand soll zählen, sondern die Entwicklung über mehrere Jahre. „Wenn wir Kliniksterben sichtbar machen wollen, dürfen geschlossene Krankenhäuser nicht anschließend aus der Betrachtung verschwinden“, betonen die Initiatoren.
Jokiel bringt dafür die technische Seite mit der regionalen Perspektive zusammen. Der neue KlinikScanner ist aus der früher weitgehend manuell gepflegten Karte entstanden und wurde zu einem deutlich umfangreicheren Recherchewerkzeug ausgebaut.
Manuel Jokiel, der Entwickler des Scanners
Was passiert mit einem Krankenhaus – und wann?
Der KlinikScanner soll dabei helfen, genau diese Fragen zu beantworten. Nutzer können Deutschland oder einzelne Bundesländer betrachten, nach der Versorgungssituation filtern und sich einzelne Krankenhäuser im Detail ansehen. Zusätzlich gibt es historische Daten und statistische Auswertungen.
Auch aktuelle Entwicklungen sollen schneller erfasst werden. Denn zwischen den offiziellen Krankenhausverzeichnissen können Monate liegen. Währenddessen können vor Ort längst Entscheidungen über Abteilungen oder Standorte getroffen worden sein. Deshalb ergänzt der KlinikScanner die amtlichen Daten um eigene Recherchen. Die unterschiedlichen Quellen bleiben dabei nachvollziehbar voneinander getrennt. Und die Betreiber setzen auch auf die Menschen vor Ort: Bürger, Klinikmitarbeiter, Kommunalpolitiker oder Initiativen können über die Funktion „Änderung melden“ Hinweise zu einem Krankenhaus übermitteln.
Tirschenreuth zeigt, warum der Blick zurück wichtig ist
Gerade beim Krankenhaus Tirschenreuth wird deutlich, warum ein einzelner aktueller Datenstand nur einen Teil der Geschichte erzählt. Wer lediglich auf die heutige Struktur blickt, sieht ein Krankenhaus mit einem anderen Versorgungsschwerpunkt. Wer dagegen die vergangenen Jahre danebenlegt, erkennt den tiefgreifenden Wandel.
Der KlinikScanner will diesen Wandel nicht politisch bewerten. Er soll vielmehr die Daten zusammentragen und Entwicklungen nachvollziehbar machen. „Wir können mit einer Karte kein Krankenhaus retten“, sagt Entwickler Manuel Jokiel. Die Karte könne aber Informationen bündeln und Menschen ein Werkzeug geben, die sich mit der Zukunft ihrer Krankenhausversorgung beschäftigen.
Gerade für Tirschenreuth dürfte das interessant sein: Denn kaum ein Blick macht den Wandel der regionalen Krankenhausversorgung so anschaulich wie der Vergleich von früher und heute.




