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Die Windräder stehen: Wie Tännesberg seinen Bürgerwindpark baut

Tännesberg. Drei Windräder werden gebaut, großer Widerstand blieb aus. Bürgermeister Ludwig Gürtler (FWG) erklärt, warum Tännesberg früh die Flächen sicherte, auf Bürgerbeteiligung setzte – und was er den Parksteinern vor ihrem Bürgerentscheid rät.

Tännesberg. Drei Windräder werden gebaut, großer Widerstand blieb aus. Bürgermeister Ludwig Gürtler (FWG) erklärt, warum Tännesberg früh die Flächen sicherte, auf Bürgerbeteiligung setzte – und was er den Parksteinern vor ihrem Bürgerentscheid rät.
Bürgermeister Ludwig Gürtler im Windpark bei Tännesberg während der Baus, 1. September 2026. Foto: Christine Ascherl

Die Windräder stehen: Wie Tännesberg seinen Bürgerwindpark baut

Wenn Sie jetzt an den drei Windrädern vorbeifahren, die gerade gebaut werden: Sind Sie stolz darauf, dass Tännesberg dieses Projekt tatsächlich durchgezogen hat?

Gürtler: Es freut mich, dass uns das gelungen ist – vor allem ohne großen Zirkus. Als ich das Thema im Herbst 2020 im Gemeinderat aufgeworfen habe, habe ich gesagt: Ich müsste mir das nicht antun, es kostet bloß Zeit und Ärger. Aber ich bin der Meinung, dass ich meine Überzeugung mitteilen muss: dass die 10H-Regel fällt, damit die Privilegierung für Windräder greift und damit unser Gemeindegebiet offen ist. Wenn wir verhindern wollen, dass wir Windräder haben, aber andere den Nutzen, müssen wir selbst aktiv werden.

Gleichzeitig wollte ich keine Spaltung in der Tännesberger Gemeinschaft. Wir gehen diesen Weg nur, wenn der Gemeinderat an einem Strang zieht. Der Gemeinderat hat gesagt: Jawohl, wir machen weiter. Seitdem sind alle Entscheidungen einstimmig über alle Parteigrenzen hinweg getragen worden.

Wie ist es Ihnen gelungen, auch die Bürger mitzunehmen?

Gürtler: Für mich waren drei Säulen entscheidend. Das Erste war die Geschlossenheit des Gemeinderats. Das Zweite war eine offene Bürgerinformation von Anfang an.

Wir haben das Thema öffentlich im Gemeinderat behandelt, eine Sonderausgabe der Tännesberger Nachrichten zur Windkraft gemacht und während Corona zwei virtuelle Informationsveranstaltungen angeboten. Die waren meiner Meinung nach sogar erfolgreicher als manche klassische Bürgerversammlung. Wir hatten im Schnitt rund 80 Zuschaltungen und viele Fragen.

SSV Jahn
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Dabei waren Fachleute wie Professor Magnus Jaeger von der OTH Amberg-Weiden und Matthias Rösch, Windkümmerer des Energie-Technologischen Zentrums Nordoberpfalz (ETZ). Projektentwickler Max Bögl aus Neumarkt informierte über die Umsetzung. Auch bei Bürgerversammlungen in den Ortsteilen war die Windkraft immer wieder Thema.

Und das Dritte war für mich ganz entscheidend: Es sollten keine reinen Investorenanlagen werden, sondern Bürgeranlagen.

Windpark bei Tännesberg im Bau, 1. September 2026. Foto: Christine Ascherl
Windpark bei Tännesberg im Bau, 1. September 2026. Foto: Christine Ascherl
Bürgermeister Ludwig Gürtler im Windpark bei Tännesberg während der Baus, 1. September 2026. Foto: Christine Ascherl
Windpark bei Tännesberg im Bau, 1. September 2026. Foto: Christine Ascherl
Windpark bei Tännesberg im Bau, 1. September 2026. Foto: Christine Ascherl

Gab es in Tännesberg überhaupt nennenswerten Widerstand?

Gürtler: Überraschenderweise habe ich keine große Gegnerschaft gespürt. Darum haben wir zur Beschleunigung auch auf eine Bürgerbefragung verzichtet, weil wir mit den artenschutzrechtlichen Prüfungen beginnen wollten, um keine Zeit zu verlieren. Im Gemeinderat hatten wir den Eindruck, mindestens 80 Prozent der Bevölkerung sind dafür.

Ich bin zum Beispiel von älteren Leuten nach der Kirche positiv darauf angesprochen worden: Da könne man vielleicht für den Enkel etwas anlegen. Selbst am Stammtisch, der kritisch ist, hieß es: Das mit dem Wind ist eine gute Sache, wenn es eine Bürgeranlage ist.

In den Bürgerversammlungen in den Ortsteilen wurde das Thema, bis auf Voitsberg, zur Kenntnis genommen. Voitsberg ist der Ortsteil, der es am stärksten sieht. Dort war eine gewisse Diskussion, aber nicht unter der Gürtellinie. Diese Gegnerschaft konnte ich nicht überzeugen. Ich habe zwei kritische E-Mails bekommen von Bürgern, die ich sachlich beantwortet habe. Die ellenlangen ChatGPT-Listen, die jetzt geschickt wurden, beantworte ich nicht. Was jetzt auf Social Media behauptet wird, von wegen „geheim“ und „nicht öffentlich“, das stimmt schlicht nicht. Es kann jeder Bürger nach Terminabstimmung zu mir kommen.

Ein Kritiker: Landwirt Michael Schultes

Michael Schultes bewirtschaftet einen Hof in Voitsberg und gehört zu den lautesten Kritikern des Tännesberger Windparks. Auf Social Media veröffentlicht er Videos und Beiträge zum Projekt. Rathaus und Landratsamt konfrontiert er mit Mails und umfangreichen Fragenkatalogen. Die Antworten möchte er schriftlich. Am 14. Juli hat er an das Landratsamt einen Umweltinformationsantrag gestellt.

Konkret fordert er Einsicht in das Brandschutzkonzept, inklusive Zufahrtswege. Was passiere, wenn das Windrad in Brand gerate und brennende Teile in den Wald fallen? Sein Wald liege im Bereich des Windparks. Weitere Fragen stellt er sich zur Betreiberstruktur und dem Rückbau, etwa im Fall einer Insolvenz: „Bei einem Millionenprojekt und einer Gemeinde mit 1600 Einwohnern will ich einfach wissen, wer die Verantwortung übernimmt.“ Er zweifelt zudem an der Wirtschaftlichkeit und äußert Befürchtungen zu möglichen Gesundheitsgefahren, wie Infraschall.

Dass seine Kritik sehr spät kommt – die drei Windräder stehen bereits weitgehend –, räumt er selbst ein. Dennoch fordert er mehr Transparenz und Einsicht in die Unterlagen. Einen angebotenen Termin im Rathaus wollte er nicht vereinbaren, er möchte seine Antworten schriftlich. „Warum kriege ich da keine Einsicht?“

Unabhängig von Schultes und ganz aktuell hat sich eine Bürgerinitiative gegen den weiteren Windkraftausbau formiert: „Gegenwind Tännesberg mit Umgebung“ warnt vor einer „Umzingelung“ durch bis zu 30 Anlagen und vor Folgen durch Infraschall, Schattenwurf und einen „erdrückenden optischen Bedrängungseffekt“. Für 9. Oktober, 19 Uhr, lädt die Initiative zu einem Vortrag mit Thomas Beer und Martin Abel ins Hotel Wurzer ein. Als Ansprechpartnerinnen werden hier Birgit Eckl, Ingrid Fleischmann und Heike Hollmann genannt.

Michael Schultes auf seinem Hof in Voitsberg. Er zeigt auf die Baustelle des Windrads. Foto: Christine Ascherl

Neu hinzugekommen ist Kritik an Windrädern, die jetzt in Trausnitz gebaut werden sollen und im Blickfeld von Tännesberg sind. Da haben sich jetzt drei Akteurinnen zusammengetan, die grundsätzlich gegen Windkraft in Tännesberg und Umgebung eintreten wollen.

Sie sagen immer wieder: Entweder eine Kommune wird selbst aktiv – oder andere tun es. Können Sie das erklären?

Gürtler: Windkraft ist privilegiert. Wenn ein Grundstückseigentümer eine geeignete Fläche hat und mit einem Projektentwickler einen Vertrag schließt, kann die Kommune die notwendige Bauleitplanung nicht verhindern.

Damit stellt sich für uns nicht die Frage: Windräder ja oder nein? Sondern, wenn ich geeignete Flächen habe: Windräder in Investorenhand oder Windräder in Bürgerhand? Und wenn ich es als Kommune selbst in der Hand haben will, muss ich schnell aktiv werden und die Flächen sichern. Wir waren vor der Welle.

Und was passiert, wenn man das nicht macht?

Gürtler: Leuchtenberg ist dafür ein Beispiel. Dort hat man ebenfalls ein Sondergebiet ausgewiesen, aber die Flächen waren noch nicht gesichert. Dann kamen Projektentwickler und haben hohe Pachtpreise geboten, 13 Prozent und mehr. Das schaut für einen Grundstückseigentümer natürlich erst einmal wunder wie aus, da laufen die Dollarzeichen.

Aber mit solchen Pachtpreisen wird es schwierig, einen Windpark wirtschaftlich zu betreiben und diese Preise am Ende zu zahlen. Da wird mit der Geldgier gespielt.

Hat Tännesberg mit seinen Windkraftflächen sein Soll erfüllt?

Gürtler: Der Regionale Planungsverband hat die Kommunen aufgefordert, weitere Flächen zu melden. Bis 2027 gilt eine Quote von 1,1 Prozent, für 2032 sind 1,8 Prozent vorgesehen. Aktuell wird sogar über 2,1 Prozent für Nordbayern diskutiert.

Gegen zusätzliche Flächen in Tännesberg würde ich mich wehren. Wir haben unseren Beitrag geleistet. Bei uns sind bereits rund 2,2 Prozent der Gemeindefläche als Vorranggebiet ausgewiesen. Damit liegen wir schon über den diskutierten Zielen. Ich will, dass es die Kommune in der Hand hat. Das ist das Maß.

Warum sind Sie so ausdrücklich gegen einen großen Investor von außen?

Gürtler: Ich will Investoren nicht grundsätzlich schlechtreden. Wenn ich einen ordentlichen Investor habe, profitiert die Gemeinde ebenfalls über Gewerbesteuer und die gesetzliche Beteiligung an den Stromerträgen, die 0,2 Cent pro Kilowattstunde.

Aber wenn das Gemeindegebiet einfach offen ist, habe ich als Kommune kaum Einfluss darauf, wo die Anlagen entstehen und wer sie betreibt. Vielleicht steht ein Windrad dann genau dort, wo es für einen Ort besonders problematisch ist. Mir war wichtig, dass wir die Entwicklung selbst steuern können. Wir hatten mit unserem Solarpark bereits sehr gute Erfahrungen mit einem Bürgerprojekt gemacht.

Wie funktioniert dieses Modell beim Tännesberger Solarpark?

Gürtler: Das Kommunalunternehmen Tännesberg ist mit 51 Prozent Kommanditist, die Stadtwerke Weiden mit 24 Prozent, die Bürgerenergiegenossenschaft ZENO mit 10 Prozent, das Kommunalunternehmen Floß mit 5 Prozent und private Beteiligte aus Tännesberg mit 10 Prozent.

Und das hat sich für diese Bürger gelohnt?

Gürtler: Unbedingt! 2024 konnten wir 500.000 Euro an den Markt Tännesberg ausschütten. Damit konnten wir unsere Tagespflege mitfinanzieren.

Was hat Tännesberg künftig konkret von dem Windpark?

Gürtler: Zunächst einmal Gewerbesteuer. Dazu kommt die gesetzliche Beteiligung von 0,2 Cent je erzeugter Kilowattstunde, die Kommunen im Umkreis von 2,5 Kilometern erhalten. Bei unseren drei Windrädern rechnen wir derzeit grob mit jeweils rund 15 Millionen Kilowattstunden Jahresertrag. Ich schätze die Einnahmen allein aus dieser 0,2-Cent-Regelung für Tännesberg auf etwa 100.000 Euro im Jahr – und das alle Jahre. Davon profitieren wir auch bei den Trausnitzer Windrädern, die relativ nahe an unserer Gemeindegrenze liegen.

45 Millionen Kilowattstunden im Jahr – die kann Tännesberg selbst ja nicht verbrauchen. Was passiert mit dem Strom?

Gürtler: Der Strom wird ganz normal ins Netz eingespeist. Dafür hat Bögl ein neues Umspannwerk gebaut. Auch andere Erzeuger können einspeisen, etwa Trausnitz und Leuchtenberg.

Können die Tännesberger ihren eigenen Windstrom günstig beziehen?

Gürtler: Nicht direkt. Ich brauche jemanden, der den Strom vermarktet. Beim Solarpark haben wir Strom über die Stadtwerke Weiden vermarktet. Die Stadtwerke hatten dafür auch einen grünen Regionalstromtarif angeboten.

Ich möchte keine Erwartungen wecken, die man hinterher nicht erfüllen kann. 80 Prozent des Windparks sind finanziert. Die Finanzierung muss bedient werden, die Kommanditisten wollen eine gewisse Vergütung. Man weiß auch nicht, wie der Wind läuft. Aber grundsätzlich ist ein „Regionalstromtarif Tännesberg“ denkbar. Darüber kann sich die Betreibergesellschaft, die Kommanditisten, später Gedanken machen.

Wie soll der Windpark finanziert werden?

Gürtler: Wir rechnen derzeit mit einem Investitionsvolumen von plus/minus 45 Millionen Euro. Etwa 80 Prozent werden über Banken finanziert, 20 Prozent müssen als Eigenkapital eingebracht werden. Das ist das übliche Finanzierungsmodell.

Für eine direkte Beteiligung als Kommanditist liegt nach der BaFin-Regelung die Mindestbeteiligung bei 200.000 Euro. Bei einem Kommanditanteil von 200.000 Euro wären etwa 40.000 Euro Eigenkapital einzubringen. Mehrere Bürger könnten sich dafür auch zusammentun und als GbR einen Kommanditanteil übernehmen. Die direkte Beteiligung als Kommanditist ist eine unternehmerische Beteiligung. Sie bietet höhere Renditechancen als etwa Festgeld, ist aber auch mit einem höheren Risiko verbunden.

Für kleinere Anleger gibt es die mittelbare Beteiligung über die Bürgerenergiegenossenschaft ZENO. Dort kann man bereits mit Anteilen zu je 500 Euro einsteigen.

Glauben Sie, dass das Vertrauen der Tännesberger erhöht, dass man weiß, Sie sind vom Fach?

Gürtler: Ja, ich glaube schon. Ich habe bis Anfang 30 in Weiden im Steuerbüro gearbeitet, die Fortbildung zum Bilanzbuchhalter gemacht. Dann war ich 25 Jahre als Kämmerer hier in Tännesberg. 2017 hat es mich nach einer Gehirnhautentzündung zerlegt. 2019 bin ich in die Kämmerei der Stadt Weiden zu Kämmerin Cornelia Taubmann gewechselt. Ich war dort für Sonderförderprogramme zuständig, das waren tolle fünf Jahre. 2020 wurde ich zum Bürgermeister von Tännesberg gewählt. Ohne meine Erkrankung wäre ich das heute vielleicht nicht. Durch die Erkrankung bin ich etwas gelassener geworden. Von heute auf morgen kann alles anders sein.

Ich kenne also sowohl die betriebswirtschaftliche als auch die kommunale Seite sehr gut.

In Parkstein ist die Diskussion um den geplanten Bürgerwindpark inzwischen sehr heftig geworden. Dort steht ein Bürgerentscheid bevor. Was würden Sie den Parksteinern sagen?

Gürtler: Ich würde ganz klar sagen: Leute, nutzt die Gelegenheit, wenn ihr die Chance habt, Windenergie selbst in die Hand zu bekommen. Davon profitiert die Kommune und damit am Ende auch die Bürger. Erneuerbare Energien gehören zur Biodiversität und zum Naturschutz.

Wenn wir Strom haben wollen, müssen wir uns überlegen, wo er herkommen soll. Für mich ist ein Windkraftgegner nur dann respektabel, wenn er daheim seinen Strom abgemeldet hat. Zu sagen, ich will Strom, aber kein Windrad vor der Nase, funktioniert nicht. Stichwort Energiepreise, Abhängigkeiten. Auch wenn es einem vielleicht nicht gefällt, muss ich am Ende das kleinere Übel wählen. Das sind für mich die Erneuerbaren.

Sie würden Ihrem Parksteiner Kollegen Reinhard Sollfrank also die Daumen drücken?

Gürtler: Absolut. Ich drücke ihm die Daumen. Ich sage den Leuten: Denkt darüber nach und macht das.