LUCE-Jubiläum: Wenn KI, Bildung und Spitzensport dieselbe Frage stellen
LUCE-Jubiläum: Wenn KI, Bildung und Spitzensport dieselbe Frage stellen
Auf dem Podium treffen drei Welten aufeinander: Olympiasieger und Bundestrainer Eric Frenzel, Siemens-Digitalisierungsexperte Dr. Gunter Beitinger und OTH-Vizepräsidentin Prof. Dr. Christiane Hellbach. Es geht um KI und Konkurrenz, um überforderte Bildungssysteme, faire Daten, digitale Suchtmaschinen, bröckelnde Sportstrukturen – und um die Frage, was der Mensch noch besser kann als der Algorithmus.
Zehn Jahre LUCE: Aus Vision wird Bildungsregion
LUCE-Vorstandsvorsitzender Severin Hirmer legt den Tag als Standortbestimmung an: zehn Jahre Stiftung, zehn Jahre Aufbauarbeit, zehn Jahre „einige PS auf die Straße gebracht“. Was 2016 mit dem Science Park C4 in Weiherhammer beginnt, ist inzwischen ein weit verzweigtes Bildungs- und Innovationsökosystem geworden: ÜBZO, FutureLab, DENK.max, C4Trends, NextGenLearn, Kooperationen mit OTH, Stadt Weiden, Markgraf-Stiftung, internationalen Partnern – und inzwischen 60 Mitarbeitenden sowie rund 20.000 Teilnehmenden.
Hirmer betont, dass LUCE als unabhängige Stiftung kein Appendix der BHS Corrugated ist, sondern ein eigener Bildungsakteur für die Region. Die Stifter Lars Engel und Christian Engel hätten diesen Weg ermöglicht; Mitstreiter wie Stefan Weig, Professor Clemens Bulitta und Professorin Christiane Hellbach stünden für den Brückenschlag zwischen beruflicher, akademischer und gesellschaftlicher Bildung. Kurz gesagt: Aus der Idee einer Wissensregion Oberpfalz ist ein ziemlich reales Gebäude geworden. Wenn nicht sogar eine Kleinstadt.
Drei Systeme, ein Problem
Die Podiumsdiskussion unter dem Titel „Von Spitzenleistung zu Zukunftskompetenzen“ startet nicht mit der Sonntagsfrage nach den „fünf wichtigsten Future Skills“. Dafür sind 45 Minuten zu kurz – und die Welt zu kompliziert. Stattdessen geht es um den größeren Rahmen: Personalentwicklung findet nicht im luftleeren Raum statt. Sie hängt an Bildungssystemen, Produktionslogiken, gesellschaftlichen Erwartungen und manchmal auch an Schneefall in Seefeld.
Auf dem Podium sitzt mit Eric Frenzel einer der erfolgreichsten Nordischen Kombinierer der Geschichte, heute Bundestrainer einer Sportart, die um ihren olympischen Verbleib kämpft. Neben ihm Dr. Gunter Beitinger, Senior Vice President Manufacturing bei Siemens, Kopf hinter dem CRISP-Manufacturing-Ansatz und einer, der nicht nur über KI redet, sondern sie in Fabriken implementiert. Und Prof. Dr. Christiane Hellbach, Vizepräsidentin der OTH Amberg-Weiden, zuständig unter anderem für Nachhaltigkeit, Weiterbildung, Gender und Diversity – also für jene Themen, die früher gern als weiche Faktoren belächelt wurden und heute ziemlich hart über Zukunftsfähigkeit entscheiden.
Wenn Motivation allein nicht trägt
Frenzel schilderte in seiner Keynote zuvor zwei symptomatische Anekdoten, die sich als roter Faden durch die Diskussion ziehen. Eine vom fast verlorenen Wettkampf in Seefeld, als er nach einem Sturz mit über einer Minute Rückstand in die Loipe ging und am Ende doch gewann. Von außen: heroisches Comeback. Von innen: Wut im Bauch, falsche Einschätzung, alles auf eine Karte.
Dann das Drama bei Olympia 2022 in Peking: Corona-Quarantäne, zwölf Tage Hotelzimmer, schließlich doch noch der Einsatz im Teamwettbewerb – und eine körperliche Grenzerfahrung, die nicht zum goldenen Heldenschnitt taugte. Frenzels starkes Fazit: „Motivation ist nicht verlässlich.“ Wenn sie fehlt, müssten Strukturen tragen. Und seine Erfahrung als Trainer: „Gerechte Führung bedeutet deshalb eben nicht, alle gleich zu führen.“
Transparenz statt Trostpflaster
Wie geht ein Champion wie Frenzel als Bundestrainer mit der ersten medaillenlosen Olympia-Teilnahme um – und das vor dem Hintergrund der drohenden olympischen Streichung seiner Sportart? „Wenn das IOC die Nordische Kombination aus dem Programm nimmt, hängt daran nicht nur Prestige, sondern die öffentliche Förderung.“ Dann rutsche die Sportart „in eine Art Nischendasein“ ab – mit gravierenden Folgen für den Nachwuchs.
Auch beim internen Konkurrenzkampf – acht Athleten, drei Olympia-Startplätze – setzte Frenzel nicht auf Motivations-Hokuspokus, sondern auf Transparenz. Man habe klare Kriterien aufgestellt und die Latte bewusst hochgelegt. Trotzdem bleibe es ein „Balanceakt“, weil für die Athleten lange offen sei, ob sie dabei sind. Sein ehrliches Bekenntnis: Mit der Erfahrung von heute würde er manches vielleicht anders machen. Lernkultur in Reinform.
Hochschule zwischen Wissenslücke und Weltlage
Christiane Hellbach greift den Ball aus Sicht der Hochschule auf. Die Komfortzone, die Studierenden nach dem Abschluss alle Türen öffnete, sei passé. Zwar bleibe der demografische Wandel ein starker Faktor, aber die Anforderungen hätten sich verschoben: Entscheidend werde künftig eine permanente Bereitschaft zur Veränderung.
Hellbach nennt Wandlungsfähigkeit, Problemlösungskompetenz, Kommunikation und Resilienz als Kriterien. Nicht jeder Mensch bringe diese Offenheit von Natur aus mit. Genau deshalb müsse Bildung anders gedacht werden – nicht nur an Hochschulen, sondern im gesamten System. Ihr Blick schweift nach Finnland: Dort würden Schulklassen nicht nur von Lehrkräften begleitet, sondern auch von Sozialarbeitern und Psychologen. Während im föderalen Deutschland noch über Zuständigkeiten gestritten wird, haben andere verstanden, dass Kinder keine Aktenordner mit Stundenplan sind.
Die Jugend ist besser als ihr Ruf
Gunter Beitinger muss auf den nimmer müden Generationenkonflikt reagieren – samt Aristoteles, TikTok und dem Reflex, dass die jeweils nächste Generation seit Menschengedenken die jeweils schlimmste sei. Seine unprätentiöse Antwort: „Die Kritik an der Jugend sagt oft mehr über die Kritiker als über die Jugendlichen.“
Er erlebe junge Menschen als innovativ, bewusst im Umgang mit Umweltfragen, gesunder Ernährung und digitalen Möglichkeiten. „Wir können unsere Kinder nicht dieser digitalen Aufmerksamkeitsökonomie aussetzen und uns dann beschweren, dass sie nur noch am Handy hängen“, konstatiert Beitinger. Von Verboten hält er wenig. Ein TikTok-Bann sei „eine schlechte Lösung, wenn man keine andere mehr hat“. Entscheidend sei der kritische Umgang mit Medien – und der müsse in Schule und Familie gelernt werden.
KI frisst nicht nur Routine
Im zweiten Block wird es existenziell. Denn KI ersetzt eben nicht mehr nur monotone Handgriffe, sondern greift in wissensbasierte, kreative und innovative Tätigkeiten und Prozesse ein. Beitinger dementiert keine Warnung ´vor drohenden Arbeitsplatzverlusten leichtfertig. Bei KI sei „definitiv ein anderes Potenzial“ vorhanden als bei früheren Automatisierungswellen.
Trotzdem sei KI-Ablehnung keine Option. Wer den Wandel nicht mitgestalte, werde von ihm überrollt. Neue Berufsbilder würden entstehen: AI Engineer, Data Steward, Cybersecurity Officer. Ob sich das am Ende zahlenmäßig ausgleiche, sei schwer vorherzusagen. Beitingers fast bodenständige Empfehlung für Berufsangst in Zeiten künstlicher Intelligenz: Handwerk. „Der Boden, das Holz, das muss bearbeitet werden. Das Haus, die Küche – das wird niemals eine KI ersetzen.“
Digitale Mogelpackung oder neue Lernfreiheit?
Hellbach setzt bei dem Gespenst, das umgeht in der KI-Welt weniger beim Jobverlust als beim Lernen an. Gerade dort liege eine enorme Chance: individualisierte Lernpfade, Eingangstests, Micro-Units, gezielte Schließung von Wissenslücken. An einer Hochschule mit Studierenden aus über 40 Ländern sei das kein Luxus, sondern Notwendigkeit.
Zugleich verteidigt sie den Präsenz-Unterricht. Digitale Wissensvermittlung könne stark sein – aber Reflexion, Diskussion, Beziehung und Vorbildwirkung entstünden im direkten Kontakt. Weil Professorinnen auch Vorbilder sein können: Als sie einmal erwähnt, sie habe drei Kinder, sagten Studentinnen: „Wenn Sie das geschafft haben, schaffen wir das auch.“ So etwas kann eine Lernplattform nicht überzeugend simulieren.
Olympia braucht wieder Augenleuchten
An Eric Frenzel liegt es sicher nicht, wenn der Spitzensport ein Glaubwürdigkeitsproblem hat: autokratische Austragungsorte, teure Ruinen, Nachhaltigkeitsdefizite, ein olympischer Geist, der nur in Sonntagsreden beschworen wird – werktags klingeln die Kassen. Frenzels Antwort fällt differenziert aus.
„Der olympische Gedanke lebt für Sportler immer weiter.“ Aber von fünf Spielen, die er erlebt habe, sei keine so nah an seiner Idealvorstellung gewesen wie die erste. Gleichzeitig wirbt er für nachhaltige Großereignisse: nicht immer neue Anlagen, sondern bestehende Standorte nutzen, modernisieren, nachhaltig verankern. Lillehammer 1994 sei für ihn bis heute ein Vorbild, weil die Anlagen weiter im Weltcup genutzt werden. Und Kinder, die vor der Haustür Spitzensport erleben, bekämen dieses „Leuchten in den Augen“, das keine Nachwuchskampagne ersetzen kann.
KI-optimierte Demokratie?
Im dritten Block die politische Gretchenfrage: Wenn demokratische Prozesse lahmen, Parteien sich gegenseitig blockieren und Politiker mutlos im Status quo verharren, kann dann vielleicht Technologie helfen, demokratische Systeme wiederzubeleben – durch Transparenz, Beteiligung, bessere Entscheidungen? Beitinger zieht eine klare Grenze: Technologie könne Demokratie nicht ersetzen. Demokratie müsse politisch und gesellschaftlich gestaltet werden.
Aber Technologie könne Entscheidungsgrundlagen verbessern, Prozesse effizienter machen, Transparenz schaffen und Beteiligung erleichtern. Sie schütze allerdings nicht vor falschen Intentionen. Beitingers resümiert mit dem Einstein zugeschriebenen Satz von den zwei unendlichen Dingen: dem Universum und der menschlichen Dummheit. Zustimmendes Kichern im FutureLab.
Wenn Daten chauvinistisch sind
Und dann wird’s zum Abschluss doch noch konkret. Wenn KI zur Personalchefin wird, ist Vorsicht angebracht. „KI ist nicht demokratisch“, verweist Vizepräsidentin Hellbach auf die durch alte, weiße Männer gelegte Datengrundlage. Sie bilde ab, womit sie gefüttert werde. Wenn Daten vor allem bestimmte Gruppen repräsentierten, würden andere unsichtbar – Frauen, Minderheiten, Menschen mit anderen Lebensläufen.
Für Hochschulen erkennt sie drei Aufgaben: fehlende Daten in der Forschung sichtbar machen, Studierende für die Grenzen und Verzerrungen von KI sensibilisieren und Modelle entwickeln, die gesellschaftliche Vielfalt besser abbilden. „Das war der zweite Teil Ihrer Frage, den Sie nicht gestellt haben“, scherzt Hellbach.
Der gläserne Athlet und das Bauchgefühl
Frenzel macht deutlich, dass auch der Sport immer Daten getriebener agiert. Uhren, Tracker, Schlafwerte, Pulsbereiche, HRV, Temperatur: Der Athlet wird messbarer – und damit auch gläserner. Der Deutsche Skiverband beschäftigt sich längst mit KI, sagt Frenzel, etwa bei Gesundheit, Infekterkennung, Trainingssteuerung, Materialentwicklung und Skivorbereitung.
Daten allein aber ersetzten kein gutes Training. Man müsse bewerten, wie sich eine Einheit angefühlt habe, ob sie sinnvoll war, wie der Körper reagiere. Das erfordere Gespräche, Erfahrung und manchmal das Momentum, über ein Gefühl hinwegzugehen. Genau dort beginnt jene Zone, in der Höchstleistung nicht berechnet, sondern riskiert wird.
Was kein Algorithmus kann
Am Ende steht keine To-do-Liste für Personalentwickler. Kein Dreipunkteplan, keine Checkliste, kein Zukunftskompetenz-Bingo. Dafür aber ein facettenreicheres Bild: Wer Menschen entwickeln will, muss Systeme verstehen. Bildungssysteme, Fördersysteme, Produktionssysteme, Datensysteme – und die blinden Flecken darin. Auch eine wertvolle Botschaft vom LUCE-Jubiläum: Zukunft entsteht weder durch blinde Technologie-Begeisterung noch durch das Gegenteil. Sie entsteht dort, wo Menschen lernen, sie zu gestalten: transparent, verantwortungsbewusst, menschlich. Und der Einsicht eines Bundestrainers, der weiß, wovon er spricht: „Motivation ist wichtig“, sagt Frenzel. Aber wenn Zweifel oder äußere Faktoren verunsichern, müssten Strukturen tragen.
Zwei Keynotes, ein gemeinsamer Nenner
Zum Auftakt spricht Eric Frenzel über Höchstleistung im Team. Der Olympiasieger und heutige Bundestrainer zeigt an zwei Karriere-Momenten, dass Leistung nicht nur dort entsteht, wo alles perfekt läuft. In Schonach dreht er nach Sturz einen großen Rückstand in einen Comeback-Sieg.
Bei Olympia 2022 in Peking folgt aus Corona-Quarantäne, Erschöpfung und Silber im Teamwettbewerb eine andere Lektion: Auch wenn es nicht für den eigenen Glanzmoment reicht, kann eine Leistung für das Team entscheidend sein. Frenzels Kernbotschaft: Motivation ist schwankend, Strukturen müssen tragen. Menschen brauchen unterschiedliche Führung. Und Konstanz ist im Spitzensport vielleicht die eigentliche Höchstleistung.
Dr. Gunter Beitinger stellte in seiner Keynote den Siemens-Ansatz CRISP Manufacturing vor: Connected, Robust & Resilient, Intelligent, Sustainable und People Centric. Dahinter steht die Frage, wie Industrie in einer Welt aus Pandemieerfahrungen, Lieferkettenbrüchen, geopolitischen Risiken, KI-Sprüngen, Demografie und Nachhaltigkeitsdruck handlungsfähig bleibt.
Beitinger zeigt unter anderem am neuen Siemens-Werk in Singapur, wie digitale Zwillinge, KI, Microlearning, Monitoring, flexible Architektur und vernetzte Produktion zusammenspielen. Sein entscheidender Punkt: Technologie ist nur dann zukunftsfähig, wenn sie Prozesse robuster macht, Nachhaltigkeit messbar unterstützt und den Menschen nicht aus dem System drängt, sondern besser befähigt.





















