Fünfter Tag Champagner-Prozess: Arzt des Klinikums schildert Kampf um das Leben der Vergifteten

Fünfter Tag Champagner-Prozess: Arzt des Klinikums schildert Kampf um das Leben der Vergifteten
Ein Oberarzt des Klinikums Weiden schildert die dramatische Nacht. Die ILS hatte mehrere Patienten mit Intoxikation angemeldet. Der Mediziner beorderte sämtliche Hintergrund-Dienste in die Notaufnahme. Als einer der ersten Patienten wurde der später verstorbene Harald Z. gebracht – unter laufender Reanimation. Ohne Puls, ohne Lebenszeichen. Der Oberarzt und ein Assistenzarzt setzten die Wiederbelebung im Schockraum fort: „Wir haben ungefähr 50 Minuten die Reanimation fortgeführt, leider ohne Erfolg.“
Der pH-Wert im Blut war schon extrem niedrig: „Das Gerät konnte nicht einmal mehr messen, wie übersäuert das Blut war. Das habe ich in meinem Berufsleben noch nie erlebt.“ Vorsitzender Richter Peter Werner fragt: „War Harald Z. eigentlich schon tot, als er gebracht wurde?“ Der Oberarzt meint: „Das kann man so sagen. Medizinisch haben wir trotzdem alles versucht.“ Parallel versorgten sämtliche verfügbaren Oberärzte und Anästhesisten die weiteren Patienten.
Gleichzeitig telefonierten die Mediziner in Weiden immer wieder mit den Kollegen in Amberg. Zentrale Frage: „Was kann das sein?“ Als die Polizei über einen Blausäure-Verdacht informierte, spritzte man eine Form des Vitamins B12 als Gegenmittel. „Das kann nicht schaden.“ Es half aber auch nicht, da es keine Blausäure war.
Flaschenkäufer hatte mehrmals ein Riesenglück
Zweiter Zeuge ist der ursprüngliche Käufer der Flasche. Inzwischen ist er 45. Damals stand er vor seinem 40. Geburtstag: Der Beamte aus dem Altlandkreis Vohenstrauß, der 2020 die Flasche auf eBay ersteigert hatte. Er hatte mit dem Champagner seinen runden Geburtstag feiern wollen. „Dann ist dieser Geburtstag wegen Corona ins Wasser gefallen“, erinnert er sich.
Es gab noch zwei Gelegenheiten, da hätte er die Doppel-Magnum beinahe geöffnet: erst an Weihnachten, dann an Silvester. „Alle sagten: Das ist jetzt zu viel.“ Jedes Mal trug der Oberpfälzer den „Moet & Chandon Ice Imperial“ ungeöffnet wieder in den Keller. „Ich habe die immer wieder rauf- und runtergetragen. Mehr auch nicht.“
Er hat sich später ausgemalt, was passiert wäre, wäre es anders gekommen: Die Familie lebt auf dem Dorf, etwa 20 Kilometer von Weiden entfernt. Hier wäre nicht innerhalb von zehn Minuten ein Sanka gekommen. „Wenn das bei uns daheim passiert wäre, dann wäre keiner mehr da. Da wären die ganze Familie und alle Freunde nicht mehr da, die auf dem Geburtstag gewesen wären.“
Leidenschaft für Moet-Ice-Zubehör
Der recht bodenständig wirkende Staatsbeamte hat eine Leidenschaft für „Moet & Chandon Ice Imperial“, besser gesagt: für die Werbeartikel und das Drumherum. „Das war so ein Spleen.“ Er sammelte über die Jahre „hunderttausend Sachen“: Picknickkörbe, Weihnachtskugeln, Kühler, Gläser, Tabletts. Alles in Weiß oder Rosé mit dem Original-Schriftzug.
Als an Silvester 2021/22 das „Il Barreto“ eröffnete, sei über einen Bekannten der Kontakt zu der Bar am Unteren Markt entstanden. Das „Il Baretto“ war Schwesterlokal des gegenüberliegenden Restaurants „La Vita“. Auf Nachfrage verlieh er Teile seines Equipments, etwa die Kühler und die Acrylgläser. Als in der Woche vor dem 13. Februar 2022 die Nachfrage nach einer Drei-Liter-Flasche kam, war er zum Verkauf bereit.
Er selbst hatte die Doppel-Magnum für 322 Euro von einem Niederländer auf eBay ersteigert. Für den gleichen Preis bot er sie dem Barkeeper an, dazu mehrere 0,75-Liter-Flaschen. Es sollte eine Privatrechnung geschrieben werden, wozu es aufgrund des Vorfalls nicht mehr kam.
Verteidiger schießen gegen Staatsanwaltschaft
Die Verteidiger von Theo G. schießen indessen scharf gegen die Staatsanwaltschaft. Weil der polnische Hauptbelastungszeuge nicht zur Aussage kommen will, fordert Verteidiger Alexander Stevens die Entlassung des Niederländers aus der Untersuchungshaft. Verteidiger Philip Müller widersprach indessen einer kommissarischen Vernehmung des polnischen Zeugen im Heimatland bzw. einer Videovernehmung. Dies widerspreche dem Unmittelbarkeitsprinzip: Im deutschen Strafrecht müssen verfügbare Zeugen persönlich erscheinen.
Staatsanwalt Christoph-Alexander May kündigt für Nachmittag, 14 Uhr, eine Stellungnahme an. Ausführlicher Bericht folgt.
Der Champagner-Prozess: Zwischenstand
Um das geht es? Theo G. (46) wird die Mitgliedschaft in einer in den Niederlanden agierenden Tätergruppierung vorgeworfen. Die Bande soll unter anderem das Betäubungsmittel MDMA (Wirkstoff von Ecstasy) in großen Mengen zum In- und Export produziert haben. Theo G. soll der „Logistiker“ der Gruppe gewesen sein. In dieser Funktion soll er mindestens 20 mit flüssigem MDMA gefüllte Champagnerflaschen übernommen haben. Er soll sie in einem Lager in Arnheim deponiert haben.
Dort soll es zu einem folgenschweren Versehen gekommen sein: Der Lagerverwalter soll laut Anklage die Flaschen gestohlen und über Internet verhökert haben – im Glauben, es handle sich um echten Champagner. So geriet eine der Doppel-Magnum in den Landkreis Neustadt/WN und kam am 12. Februar 2022 in Weiden zum Ausschank.
Theo G. wird bandenmäßiges Handeltreiben mit Betäubungsmitteln, fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung in sieben Fällen vorgeworfen.
Der Prozess ist bis ins Frühjahr terminiert. Die 1. Strafkammer hat bislang etwa die Hälfte der Zeugen vernommen: bisher die überlebenden Geschädigten, weitere Gäste und Mitarbeiter des Restaurants.
Acht Auslandszeugen haben indessen dem Gericht einen Korb gegeben. Bei manchen schlugen die Ladungen fehl. Einige haben geschrieben, dass sie nicht zur Aussage nach Weiden anreisen wollen. Darunter sind zwei Hauptbelastungszeugen. Zum einen der Verwalter des Lagers. Zum anderen ein Bekannter des Angeklagten, ein polnischer Staatsangehöriger, der Theo G. in mehreren Aussagen den Besitz der Flaschen zuschreibt. Ohnehin zweifelt die Verteidigung die Glaubwürdigkeit dieser Zeugen – beide mit Verbindung in die Drogenszene – stark an.
Ab nächster Woche dürfte es aus Sicht der Staatsanwaltschaft wieder besser laufen. Ab Dienstag sind als Zeugen die Ermittler aus Deutschland geladen. In Weiden ermittelte zunächst die Kriminalpolizei Weiden, dann übernahmen die Zollfahnder. In der Woche ab Montag, 26. Februar, werden dann die Ermittler aus den Niederlanden erwartet, außerdem mehrere Sachverständige.




