Recycling-Prozess: Bis heute keine Lösung für E-Auto-Batterien
Recycling-Prozess: Bis heute keine Lösung für E-Auto-Batterien

Der Maschinenbautechniker (58) macht keinen Hehl daraus, dass er mit dem Angeklagten gern zusammengearbeitet hat. „Er war mir als Mensch sympathisch.“ Selbst als die gemeinsam entwickelte Batterie-Recyclinganlage nicht lief und dem Unternehmer das Wasser bis zum Hals stand, hielt man zusammen. „Wir haben zusammengehalten wie in einer Ehe und geschaut, dass wir das Ding weiterbekommen.“
Der Zeuge findet vor der 1. großen Strafkammer am Landgericht harte Worte. Jeder wolle emissionsfrei im Elektroauto durch die Stadt fahren. Gleichzeitig gäbe es für eine Wiederverwertung der verbauten 600-Kilo-Batterien bis heute kein Konzept. Die Branche lechze nach Lösungen, ehe bis in 30 Jahren mit einem erheblichen Rücklauf von Altbatterien zu rechnen ist. „Dieser Markt wächst massiv“, sagt der 58-jährige Recyclingspezialist, „hoffentlich wächst er uns nicht über die Ohren.“
Kosten der Anlage: vier Millionen Euro
Der Techniker einer Maschinenbaufirma aus Oberbayern hatte zusammen mit dem Weidener Unternehmer jahrelang an der Recycling-Anlage für Lithiumbatterien getüftelt, ehe 2021 die Unterschrift unter den Kaufvertrag gesetzt wurde. Kostenpunkt: vier Millionen Euro. „Das war eine Pionier- und Gründerzeit.“ Die Maschine sollte ausgediente Batterien-Packs aus Elektroautos in ihre Bestandteile zerlegen.
Diese Maschine ist ein Grund, warum der Weidener Recycling-Unternehmer vor Gericht sitzt. Punkt 1: Die Anlage trennte die krebserregende Schwarze Masse nicht sauber vom gequetschten Batterie-Metall. Als es deshalb keine Abnehmer gab, soll er den kontaminierten Mix in Big Bags illegal in Tschechien abgelagert haben. Punkt 2: Der Unternehmer soll die Mitarbeiter bewusst weiter an der defekten Maschine eingesetzt haben, obwohl sie längst erhöhte Nickel- und Kobaltwerte aufwiesen.
Explosionen im Schredderturm
„Es war ein Prototyp“, sagt der Techniker mehrmals. Für die Entwicklung nahm er Anleihen aus der Zerkleinerung und Verwertung von Kühlschränken. Das sei durchaus vergleichbar. „Auch ein Kühlschrank hat es in sich.“ Er enthält Ozon-Killer, brennbare Gase und einen Isolierschaum mit enormem kalorischen Wert. Wie gefährlich Batterien sind, erklärte der 58-Jährige anhand seines Smartphones: „Wenn ich einen Nagel in diesen Akku haue, dann brennt das sofort.“
Wie explosiv Batterien sind, erfuhren die Mitarbeiter in Wernberg nach der Inbetriebnahme. Das Prinzip der Anlage ist, dass komplette 600-Kilo-Packs in den Schredderturm geworfen werden. Gleich am Anfang kam es zu einer Explosion, welche die Einhausung verbeulte. Danach war die Recycling-Anlage nicht mehr dicht. Die Maschinenbaufirma sah sich nicht in der Pflicht für eine Reparatur. Der Techniker spricht vor Gericht von zwei Fehlern: Zum einen müsse sich nach Art der Explosion Wasser in der Anlage befunden haben („wir haben das nicht verschuldet“). Zum einen seien teils noch geladene Batterien eingeworfen worden, etwa aus Unfallautos. Folge: Es kam zu heftigen Reaktionen im Schredder.
Schwarze Masse: „Puderzucker in Schwarz“
Manche Bestandteile der Batterien sind ungiftig, etwa Kunststoff und Metall. Andere sind gefährlich, wie der Elektrolyt. Er sollte durch Erhitzen ausgedampft und dann kondensiert und abgefüllt werden. Dabei handelt es sich um eine grüne Flüssigkeit, die erbärmlich stinkt. So beschrieb es ein Mitarbeiter im Zeugenstand, der davon mehrfach einen Hautausschlag bekam. Der Elektrolyt lief aus einem ständig defekten Verdichter. „Das frisst Löcher in den Betonboden“, sagte der Zerspanungsmechaniker (28).
Das zweite gefährliche Abfallprodukt ist die sogenannte schwarze Masse. Sie geriet in der Wernberger Halle in die Luft. Und zwar nicht nur einmal. Mitarbeiter schildern Explosionen im Schredderturm, nach denen der schwarze Staub in der Halle Zentimeter hoch lag. Der Techniker aus Oberbayern beschreibt ihn als „Puderzucker in Schwarz“. Dieser Staub ist krebserregend. Er kann sich in den Lungen festsetzen, Lungenbläschen können sich entzünden und zu Tumoren entwickeln. „Ja, das war uns bewusst. Das war beiden Seiten bewusst.“
Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Markus Fillinger, ob die Anlage bei diesen vielen Problemen abgeschaltet hätte werden müssen, sagt er: „Wenn Staub austritt, wenn es massive Bedenken gibt, dann hätte er die Anlage stilllegen müssen.“ Allerdings sei ein gewisser Staubaustritt unvermeidbar, dagegen helfen FFP3-Masken, Einweganzüge und Schutzhandschuhe. Diese wurden bereitgestellt.
Unter schlechtem Stern: Corona, Ukraine und ein Burnout
Wie konnte es soweit kommen? Corona, Ukraine. Wie so viele Branchen erwischte es auch den Recycling-Unternehmer. Der Vertreter der Maschinenbaufirma nimmt den Angeklagten in Schutz, der ihm menschlich äußerst sympathisch gewesen sei. Für viele Schwierigkeiten habe er nichts gekonnt: In Corona stand der Bau, dann waren wegen einer Hafensperre in Shanghai technische Komponenten nicht zu bekommen. Mit Beginn des Ukraine-Kriegs vervierfachten sich die Stahlpreise. Dann fiel ein wichtiger Mitarbeiter des Maschinenbauers aus (Burnout).
Die Sterne standen nicht gut. Dazu kamen monetäre Probleme, weiß auch der Techniker. Denn: Der Recycling-Unternehmer zahlte plötzlich nicht mehr pünktlich. Dem Weidener fehlten die Erlöse, konnte er doch den kontaminierten Mix nicht mehr loswerden. Zwischen den Maschinenbauern aus Erding und dem Unternehmer kam es im Dezember 2024 noch zu einem Krisengespräch. Man bot noch einmal Hilfe an: Im März 2025 wurde eine Siebanlage eingebaut, welche die Probleme vielleicht gelöst hätte.
Man wird es nie erfahren. Es wurde nie mehr gemessen. Der Geschäftsführer wurde verhaftet, das Unternehmen ist in Insolvenz. Und bis heute gibt es auf dem europäischen Kontinent nach Einschätzung des Experten keine einzige Anlage, die E-Auto-Packs im Ganzen schreddern und sortieren kann. Das Grundproblem ist damit ungelöst. „Was die Industrie produziert, ist das eine. Wie es entsorgt werden muss, ist das andere.“
Das sagen die Mitarbeiter: „Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen.“
Am Freitag sagten im Prozess gegen einen Recycling-Unternehmer mehrere ehemalige Mitarbeiter aus. Ein gelernter Zerspanungsmechaniker (28) war für die Instandhaltung der Batterie-Recyclinganlage verantwortlich. Er wechselte Filter, tauschte gerissene Ledermanschetten und reparierte immer wieder den Verdichter, der das Elektrolyt absaugen sollte. Die Anlage lief nicht, wie sie sollte. „Mal besser, mal schlechter, aber zu 50 Prozent nicht optimal.“
„Übelkeit, Schwindel, Schlaflosigkeit“, zählt der Zeuge auf. Für ihn steht ein Zusammenhang zwischen den Beschwerden und der ständig defekten Batterie-Recyclinganlage außer Frage.
Besonders eindrücklich schilderte der 28-Jährige einen Vorfall, den er selbst als „Super-GAU“ bezeichnete. Es kam zu einer Explosion im Schredderturm, weil nicht entladene Batterien eingefüllt wurden. Dadurch verteilten sich so große Mengen an schwarzer Masse, dass der Staub rund 15 Zentimeter hoch gelegen sei. Mit Industriesaugern sei alles abgesaugt worden. Erst danach seien zusätzliche FFP-Masken angeschafft worden, später auch die belüfteten Atemschutzmasken.
Der Zeuge beschreibt auch eine grüne Flüssigkeit, die „erbärmlich riecht“. Es handelte sich dabei um den Elektrolyt aus den Batterien. Immer wieder sei es ausgetreten, wenn der Verdichter gereinigt oder repariert werden musste. Der Elektrolyt sei so aggressiv, dass es Löcher in den Betonboden fresse. Auf der Haut habe es Ausschläge verursacht und musste „schleunigst“ abgewaschen werden.
Als bei sieben Mitarbeitern in den Urinproben erhöhte Nickel- und Kobaltwerte festgestellt wurden, habe der Betriebsarzt dies heruntergespielt: „Bissl Nickel und Kobalt sei normal.“ Der 28-Jährige zeigte das Ergebnis seinem Hausarzt, der ihm zur Kündigung riet: „Da würde ich nicht mehr reingehen.“
Dass es sich nicht um einen Einzelfall gehandelt habe, machten auch die Aussagen weiterer ehemaliger Mitarbeiter deutlich.
Ein 58-Jähriger war zuständig für die Reinigung der Halle. Er saugte mit einem Industriesauger regelmäßig den schwarzen Staub ab: „Alles war schwarz.“ Die Filter warf er danach in Big Bags. Trotz Einweganzug und FFP3-Maske litt er unter Hautekzemen und Juckreiz. Der Betriebsarzt habe nichts unternommen. Inzwischen arbeitet der 58-Jährige bei der Deutschen Bahn. „Mir fehlt nichts mehr.“




