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Apothekerstreik: Interview mit Andreas Biebl, Inhaber der Mohren-Apotheke in Weiden

Deutschland/Weiden. Warnweste und Trillerpfeife statt weißem Kittel: Gestern war der Großteil der Apotheker auf den Barrikaden. Warum genau? Ein Hintergrundgespräch mit Andreas Biebl, Sprecher der Weidener Apotheken zeigt Missstände auf - und was zu tun ist: "Jetzt."

Apothekerstreik: Interview mit Andreas Biebl, Inhaber der Mohren-Apotheke in Weiden

Gruppenbild mit Oberpfälzer Apothekerinnen und Apotheker auf dem Münchner Odeonsplatz am Streik-Tag, 23. März 2026. Foto: privat
Entschlossene Apothekerinnen und Apotheker auf dem Weg zum Streik am Montag, 23. März 2026, in München. Foto: privat

Die Warnweste hängt noch über seinem Bürostuhl in der Mohrenstraße 2 in Weiden, in der Tasche die Trillerpfeife: Gestern hat er sie getragen beim Streik in München, laut gepfiffen, heute steht Andreas Biebl wieder im Apothekenkittel für Fragen zur Verfügung. „Aufregend und anstrengend war es – und schön“, resümiert der Sprecher der Weidener Apotheken den gestrigen Streiktag seines Berufsstands, den er in München verbracht hat, zusammen mit einem Bus voller Kolleginnen und Kollegen.

Solche Aktionen seien selten. „Wenn ein Apotheker mal öffentlich kund tut, dass etwas nicht passt, dann muss schon ordentlich was los sein.“ Zwar gebe es Rückendeckung aus der bayerischen Politik – CSU und Freie Wähler hatten einen Dringlichkeitsantrag eingebracht, auch der Berufsverband steht dahinter, im Koalitionsvertrag der Bundesregierung sind Absichtserklärungen zu finden. Doch im Alltag komme davon wenig an: „Bisher ist nichts passiert. Aber wir brauchen Veränderung, jetzt.“

Andreas Biebl erklärt Probleme – und benennt Handlungsspielräume

Im ECHO-Interview erzählt er, wo genau es hakt, was Kundschaft tun kann, was Politik leisten muss, „bevor uns vor Ort die Substanz komplett wegbröckelt und die Versand-Apotheken alles platt machen“. Im Gespräch wird deutlich: Es gibt Handlungsspielräume.

ECHO: Was war für Sie persönlich der ausschlaggebende Grund, sich am gestrigen Streik zu beteiligen?
Andreas Biebl: „Mieten, Versicherungen, Personal, Sprit – alles wird teurer. Gleichzeitig haben wir seit 2013 keine Honorarerhöhung bekommen. Die Kosten sind um über 60 Prozent gestiegen. Wir sind von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abgehängt.“ Der Apotheker führt den Betrieb in sechster Generation – aber ob es weitergeht, ist offen: „Meine Tochter sieht an mir, dass das ein Beruf ist, der so keine Zukunft hat.“ Der unternehmerische Spielraum sei stark eingeschränkt, etwa durch feste Preis- und Einkaufsstrukturen. „Ein sehr enges Korsett.“

Einblick in das ABC der Apothekerinnen und Apotheker

Was viele Kundinnen und Kunden nicht sehen: Hinter dem Handverkauf steckt ein komplexes System aus Regeln, Verantwortung und wirtschaftlichen Risiken.

Apotheken haben einen staatlichen Versorgungsauftrag – sie müssen Medikamente verfügbar machen, oft sofort, oft auch unter schwierigen Bedingungen. „Wir sind am selben Tag lieferfähig“, spricht Biebl für sich und seine Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Ob Abholung oder Lieferung: Vieles gehe inzwischen genauso schnell wie beim Versandhandel, häufig sogar schneller. Bestellungen laufen über eigene Apps oder die offizielle Gematik-Anwendung fürs E-Rezept.

Gleichzeitig ist der Spielraum stark begrenzt. Verschreibungspflichtige Medikamente unterliegen einer festen Preisbindung. Der Verkaufspreis setzt sich aus dem Einkaufspreis, einem prozentualen Aufschlag von 3 Prozent und festen Zuschlägen in Höhe von 8,35 Euro Honorar, 20 Cent und 21 Cent zusammen – gedacht auch zur Finanzierung von Nacht- und Notdiensten sowie pharmazeutischen Dienstleistungen. Freiverkäufliche Medikamente sind zwar nicht preisgebunden, machen aber nur einen marginalen Anteil am Umsatz aus. „Wir brauchen dringend eine Erhöhung des Honorars“, erklärt Biebl.

Im Hintergrund arbeiten verschiedene Berufsgruppen: PKA kümmern sich um das Backoffice, Warenwirtschaft und Organisation. PTA übernehmen nach ihrer Ausbildung pharmazeutische Tätigkeiten. Apothekerinnen und Apotheker selbst absolvieren ein mehrjähriges Studium plus Praktikum – und tragen am Ende die volle unternehmerische Verantwortung.

Diese Verantwortung kann teuer werden. Stichwort Retaxrisiko: Rechnet eine Apotheke ein Rezept mit der Krankenkasse ab und es stellt sich später ein Fehler heraus – etwa ein Formfehler oder sogar eine Fälschung –, kann die Kasse die Zahlung verweigern. „Wir müssen dann die kompletten Kosten übernehmen, teils im drei- oder vierstelligen Bereich.“ Selbst Fehler, die eigentlich bei Ärzten liegen, können auf die Apotheke zurückfallen.

Hinzu kommt der sogenannte Kontrahierungszwang: Apotheken sind verpflichtet, gültige Rezepte zu beliefern. Gleichzeitig tragen sie das wirtschaftliche Risiko. „Ich habe einen Warenwert in sechsstelliger Höhe, den ich vorfinanzieren muss.“

Der Arbeitsalltag wird durch Lieferengpässe und immer mehr hochpreisige Medikamente erschwert – Präparate, die mehrere zehntausend Euro kosten können. Jede Abgabe ist damit auch ein finanzielles Wagnis.

Und dann ist da noch die Rolle vor Ort: Apotheken sind oft die erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem. „Niederschwellig, ohne Termin“, sagt der Apotheker. Beratung zu Medikamenten, Hilfe im Umgang mit Ärzten oder Krankenkassen, Unterstützung in Pflegefragen – vieles läuft direkt und persönlich, ohne Warteschleife, ohne Callcenter, vor Ort oder per Telefon.

Ein System, das für viele selbstverständlich wirkt – das aber im Hintergrund unter wachsendem Druck steht. Umso wichtiger, dass sich nicht nur die Politik bewegt, sondern auch die Kundschaft hilft. Wie? Siehe nächster Kasten.

„Ihr müsstet mal eine Woche lang streiken…“

Wie haben Kundinnen und Kunden auf den Streik reagiert – eher mit Verständnis oder Kritik? „Wir haben vorher informiert, dass sie ihren Bedarf bitte davor oder danach decken sollen.“ Die Reaktionen seien überwiegend positiv gewesen. „Heute früh hat eine Passantin gesagt, wir sollten eigentlich eine Woche lang streiken, damit die Leute merken, was sie an der Apotheke vor Ort haben.“ Der Alltag ist geprägt von langen Arbeitszeiten und wachsendem Druck: Montag bis Freitag durchgehend geöffnet, dazu Notdienste – „bis zu 90 Stunden reine Öffnungszeiten“. Urlaub könne er sich seit Jahren nicht leisten, eine approbierte Vertretung sei zu teuer.

Welche konkreten Probleme im Apothekenalltag werden aus von der Politik aktuell unterschätzt? „Die wirtschaftliche Grundlage wird uns entzogen, während die Arbeit mehr wird.“ Lieferengpässe, Bürokratie und steigende Anforderungen verschärften die Situation zusätzlich. Gleichzeitig sei die versprochene Honoraranpassung bis heute nicht umgesetzt: „Die Erhöhung wäre nicht mal ein Inflationsausgleich.“

WITRON – Osterferien
WITRON – Osterferien

Spirale nach unten

Viele sehen Apotheken als stabilen Teil des Gesundheitssystems – was bröckelt im Hintergrund? „Wir hatten in Bayern mal 3.500 Apotheken, jetzt sind es nur noch etwa 2.900.“ Für viele Betriebe finde sich kein Nachfolger mehr, weil die wirtschaftliche Perspektive fehle. „Wenn ich meinen Stundenlohn ausrechnen würde, würde ich unter Mindestlohn arbeiten.“ Dabei sei der Beruf eigentlich ein idealistischer: „Man hilft Menschen, wieder gesund zu werden.“ Doch ohne wirtschaftliche Basis funktioniere das nicht. „Ohne attraktive Gehälter finden wir auch kein Personal mehr.“

Wie man Apotheken vor Ort unterstützen kann

  • Apps wie docmorris und shop apotheke: Löschen! „Zwar locken die mit tollen Rabatten, finanzieren auch die intelligent gemachte Werbung mit dem Herrn Jauch, dessen Vermögen in die Höhe geschnellt ist. Aber vor Ort bröckelt die Substanz.“
  • Einkauf in der Apotheke vor Ort,
  • oder über die App dieser Apotheke,
  • oder über die App „Gematik“
  • Bekannte, Freunde, Familie informieren und gegebenenfalls unterstützen beim Einkauf vor Ort/per App/über Gematik.
  • Verstehen, dass es nicht um den Wohlstand von Privilegierten geht, sondern um das Überleben von Selbständigen mit gesamtgesellschaftlicher Relevanz

Welche Risiken tragen die Apotheken vor Ort? „Ein Beispiel: Ein Mann kam in die Filiale mit einem Rezept für eine Abnehmspritze. Das Rezept sah korrekt aus, er hat Ware im Wert von 1.400 Euro mitgenommen. Ein Jahr später bekomme ich einen Brief von der Krankenkasse: Das Rezept war gefälscht, die Kosten werden nicht übernommen. Zwar haben wir Widerspruch eingelegt, aber ob wir uns durchsetzen können?“ Dieses Retax-Risiko gebe es immer, nicht nur bei so krassen Betrugsfällen. Auch Formfehler von Arztpraxen müssten Apotheken auffangen.

Ein zusätzlicher Wettbewerbsdruck kommt durch Versandapotheken, verstärkt durch das E-Rezept: „Es ist leichter geworden, sich Medikamente aus dem Ausland schicken zu lassen.“ Dabei könnten Apotheken vor Ort längst mithalten: „Wir liefern oft noch am selben Tag – per App oder über die Gematik-Anwendung.“

Was bleibt beim Kauf auf großen Portalen auf der Strecke?
„Dass man bei uns einfach vorbei kommen kann, Fragen stellen kann, eine Begleitung hat auf dem Weg der Krankheit“, beschreibt er seine Arbeit. Es gehe um Vertrauen, um Begleitung, auch in schwierigen Lebenssituationen. „Wenn jemand öfter kommt, wächst eine Beziehung. Wir sind da, wenn jemand eine chronische Krankheit hat, ins Altenheim muss, wenn jemand die Nebenwirkungen verschiedener Medikamente prüfen lassen will.“

Biebls Feierabend am Streiktag

Auf dem Heimweg vom Streik-Bus nach Hause kam Biebl an seiner Apotheke vorbei. „Natürlich schaue ich da noch in den Briefkasten.“ Natürlich? „Natürlich.“ Er findet ein Rezept für ein Antibiotikum. „Sowas eilt, also bin ich zu der Patientin.“ Natürlich, und sie war überrascht, hat sich sehr gefreut. Und dann, Feierabend? „Also, für die stationären Patienten im Altenheim habe ich noch die Medikamente ausgefahren.“ Natürlich.

Natürlich?