Die arithmetische Gewissheit: Warum der Kostenanstieg im Gesundheitswesen kein Politikversagen ist

Die arithmetische Gewissheit: Warum der Kostenanstieg im Gesundheitswesen kein Politikversagen ist
Gastkommentar von Prof. Dr. Theodor Klotz
Deutschland produziert im Mehrjahresrhythmus Gesundheitsreformgesetze. Sie tragen wechselnde Namen, versprechen „Nachhaltigkeit“ und „Effizienz“ und scheitern stets am selben Punkt: Sie behandeln Symptome, nicht Ursachen. Der Kostenanstieg im Gesundheitswesen ist kein Versagen der Politik und kein Betrug der Pharmaindustrie. Er ist die unvermeidliche Folge zweier Entwicklungen, die wir als Gesellschaft ausdrücklich wollen: Wir werden älter, und die Medizin wird besser. Das kostet mehr – immer mehr. Und das ist seit über zwei Jahrzehnten bekannt.
Wir werden älter – und die Zahlen sind eindeutig
Heute ist bereits jede fünfte Person in Deutschland 67 Jahre oder älter – bis 2035 wird es jede vierte sein. Der Anteil der über 65-Jährigen stieg seit 1991 von 15 auf 23 Prozent der Bevölkerung [1]. Bis 2038 kommen 3,8 bis 4,5 Millionen Menschen im Rentenalter hinzu. Die Zahl der Hochbetagten über 85 Jahre hat sich seit 1991 von 1,2 auf 3,0 Millionen mehr als verdoppelt [1]. Was das bedeutet, erleben viele Familien in der Oberpfalz längst im Alltag: Pflegeheimplätze werden knapper, Arzttermine schwieriger, und die Unterstützung älterer Angehöriger nimmt mehr Zeit in Anspruch.
Ältere Menschen erkranken häufiger und an mehreren Krankheiten gleichzeitig – Mediziner nennen das Multimorbidität. Chronische Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, Diabetes, Niereninsuffizienz oder Demenz lassen sich nicht heilen – sie müssen dauerhaft behandelt werden. Jeder Patient, der einen schweren Herzinfarkt überlebt, ist ein dauerhafter Kostenfaktor. Das ist kein Vorwurf, sondern eine medizinische Tatsache. Ein 78-Jähriger mit Diabetes, Herzproblemen und beginnender Demenz benötigt im Schnitt sechs verschiedene Medikamente, mehrere Fachärzte und regelmäßige Kontrolluntersuchungen – lebenslang. Die Hoffnung, gezielte Vorsorge könne diese Last später auf einen kürzeren Zeitraum verdichten, hat sich empirisch nicht bestätigt [2]: Menschen leben länger mit ihren Krankheiten – sie bleiben eben in der Regel nicht gesund bis vor dem Tod.
Medizinischer Fortschritt ist wunderbar – und teuer
Neues in der Medizin spart selten Geld – es kostet mehr. Neue Medikamente, neue Operationsmethoden, neue Diagnosetools werden zu Preisen eingeführt, die keine Kostenneutralität erlauben. Ein gutes Beispiel sind die sogenannten GLP-1-Präparate (Abnehmmedikamente, bekannt als Ozempic oder Wegovy): Ursprünglich für übergewichtige Typ-2-Diabetiker entwickelt, schreiben sie seit der SELECT-Studie 2023 auch Herzpatienten einen nachgewiesenen Nutzen zu [3], könnten bald bei Demenz eingesetzt werden – und betreffen damit potenziell Millionen zusätzliche Patienten, bei jährlichen Kosten von mehreren Tausend Euro pro Person.
Hinzu kommen zwei weitere Effekte: Bessere Diagnostik findet mehr behandlungsbedürftige Zustände. Ein Blutdruckwert, der vor 30 Jahren als normal galt, ist heute ein Behandlungsanlass. Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Cholesterin, Blutzucker oder Knochendichte: Mit jeder neuen Studie wachsen die Patientenzahlen, die eine Behandlung leitliniengerecht benötigen. Und jede erfolgreiche Therapie schafft Überlebende, die weiter altern, weitere Krankheiten entwickeln und weitere Kosten verursachen – was kein Problem ist, sondern ausdrücklich der Sinn guter Medizin. Für die deutsche Forschung wurde gezeigt, dass genau dieser Aufwand in den letzten Lebensmonaten der entscheidende Kostentreiber ist – und dass er mit steigender Lebenserwartung nicht sinkt, sondern sich lediglich verschiebt [4].
Auch Künstliche Intelligenz und Digitalisierung werden häufig als Kostenbremse gehandelt. Das klingt plausibel, stimmt aber strukturell nicht: Ein KI-System, das Lungenkrebsverdacht früher erkennt, ist ein Segen für die Patienten – aber es findet damit auch mehr Fälle, die behandelt werden müssen. Bessere Diagnostik findet mehr Befunde, und mehr Befunde bedeuten mehr Abklärung, mehr Therapie, mehr Nachsorge.
Was die Zahlen belegen
Die GKV-Ausgaben betrugen 2024 knapp 327 Milliarden Euro – ein Anstieg von insgesamt 7,7 Prozent. Die Leistungsausgaben allein wuchsen um 8,1 Prozent – der stärkste Anstieg seit drei Jahrzehnten. Allein im Krankenhausbereich stiegen die Kosten um knapp neun Prozent (8,7 %). 2025 setzte sich dies mit plus 7,8 Prozent auf rund 352 Milliarden Euro fort [5]. Der Zusatzbeitrag stieg seit 2015 von 0,9 auf 2,5 Prozent. Für einen Arbeitnehmer mit 3.000 Euro Bruttolohn entspricht allein dieser Anstieg seit 2015 einer Mehrbelastung von rund 48 Euro im Monat – hälftig geteilt mit dem Arbeitgeber. Ohne Gegenmaßnahmen würde die Finanzierungslücke bis 2027 auf rund 15 Milliarden Euro, bis 2030 auf über 40 Milliarden Euro anwachsen [6] – der Gesamtbeitragssatz auf bis zu 19,3 Prozent.
Genau diese Zahlen haben die Bundesregierung zuletzt zum Handeln gezwungen: Am 29. April 2026 beschloss das Bundeskabinett das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, das für 2027 eine Entlastung von rund 16 Milliarden Euro vorsieht – vor allem durch Vergütungsbegrenzungen für Ärzte, Krankenhäuser und die Pharmaindustrie. Der Gesetzentwurf soll noch vor der Sommerpause in Bundestag und Bundesrat eingebracht werden. Er ist nötig und sinnvoll. Aber er verschiebt das Problem, er löst es nicht.
Seit 20 Jahren bekannt – und trotzdem keine Lösung
Das Grundproblem ist nicht neu. Schon um die Jahrtausendwende war klar, dass die Kombination aus demografischem Wandel und medizinischem Fortschritt die Finanzierung des Gesundheitssystems strukturell überfordern würde. Eine der großen Antworten darauf war die Einführung der Fallpauschalen (G-DRG) in deutschen Krankenhäusern – beschlossen 2000, eingesetzt ab 2003. Das System funktioniert so: Für jede Behandlung gibt es eine fest definierte Pauschale – wer schneller und günstiger arbeitet, behält die Differenz. Ziel war, Wirtschaftlichkeit zu fördern und Kosten zu stabilisieren. Das Ergebnis nach über 20 Jahren ist nüchtern: Die DRGs haben die Verweildauern der Patienten verkürzt, aber die erhoffte Kostendämpfung nicht gebracht [8]. Die Ausgaben stiegen trotzdem weiter.
Das Muster wiederholt sich: Präventionsprogramme, Effizienzreformen, Digitalisierungsinitiativen – jede Maßnahme ist für sich sinnvoll. Aber keine davon greift an den strukturellen Ursachen. Selbst ein Effizienzgewinn von zehn bis fünfzehn Prozent wird durch den demografischen Wandel und den medizinischen Fortschritt innerhalb eines Jahrzehnts aufgezehrt. Und Zuzahlungen sind keine Kostenbremse, sondern eine Umverteilung: Sie ändern, wer zahlt – nicht, wie es weitergehen soll.
Was eine ehrliche Debatte erfordern würde
Wenn diese Analyse stimmt – und dafür spricht viel – müssen zwei Dinge ausgesprochen werden, die politisch unbequem sind:
Erstens: klare Prioritäten. Eine Gesellschaft, die nicht jede Therapie für jeden Patienten unbegrenzt bezahlen kann, muss transparent entscheiden, was sie bezahlt. Großbritannien macht das seit Jahren: Das staatliche NICE-Institut bewertet Therapien danach, wie viel Lebensqualität sie pro eingesetztem Euro bringen [7]. Ein Krebsmedikament, das das Leben um drei Monate verlängert, aber 80.000 Euro kostet, wird dort nur dann erstattet, wenn der Nutzen diese Ausgabe rechtfertigt. Deutschland meidet diese Debatte – und rationiert dafür still und ungerecht: durch Wartezeiten, regionale Unterschiede und die finanzielle Abschreckung durch Zuzahlungen.
Zweitens: reden über das Sterben. Die größten Kosten entstehen in den letzten Lebenswochen und -monaten – oft für Behandlungen, die die Patienten selbst nicht gewünscht hätten, wenn man sie rechtzeitig gefragt hätte. Studien zeigen, dass mehr als ein Drittel der gesamten Gesundheitsausgaben eines Menschen in den letzten zwei Lebensjahren anfällt. Mehr Hospizangebote und das frühzeitige Gespräch über Behandlungswünsche am Lebensende (Patientenverfügung, vorausschauende Behandlungsplanung) sind keine Sparmaßnahmen – sie sind zivilisatorische Fortschritte mit finanzieller Wirkung.
Ehrlichkeit wäre die eigentliche Reform
Der Kostenanstieg im Gesundheitswesen ist die Rechnung für zwei gesellschaftliche Errungenschaften: ein langes Leben und eine leistungsfähige Medizin. Beides zu wollen und gleichzeitig stabile Beiträge zu erwarten, geht nicht. Daran ändern auch 16 Milliarden Euro Sofortentlastung der gesetzlichen Krankenversicherung nichts.
Weitere Beiträge von Prof. Dr. Theodor Klotz
Prof. Dr. med. Theodor Klotz war von 2001 bis 2025 Chefarzt der Urologie am Klinikum Weiden und ist heute im Urologiezentrum Schwandorf tätig. Der Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und Fachbücher schreibt in unregelmäßigen Abständen Gastkommentare für OberpfalzECHO zu Themen aus der Medizin.

Alarmruf aus der Praxis: Prof. Dr. Theodor Klotz zur GKV-Reform
Weiden. Die geplante GKV-Reform soll das System stabilisieren – doch Experten sehen grundlegende Probleme ungelöst. Urologe Theodor Klotz warnt vor Folgen für Patienten, Ärzte und Kliniken. In einem Gastbeitrag für OberpfalzECHO zeigt er auf, was die Pläne für Patienten bedeuten.
Es braucht den Mut, öffentlich auszusprechen, was längst intern bekannt ist: dass das System an seine Grenzen stößt, und dass Ehrlichkeit darüber keine Schwäche ist, sondern die Voraussetzung für jede tragfähige Lösung. Gesellschaften, die das offen sagen und faire Regeln für Grenzen und Prioritäten entwickeln, treffen bessere Entscheidungen als solche, die auf das nächste Spargesetz warten.
Wer ein Haushaltsproblem hat, löst es nicht durch Umbenennen der Ausgaben. Und wer beim Arzt eine schlechte Nachricht bekommt, ist am besten bedient, wenn sie klar und ehrlich ausgesprochen wird – nicht mit beruhigenden Halbwahrheiten. Ehrlichkeit wäre die eigentliche Gesundheitsreform.
Literatur
- [1] Statistisches Bundesamt (Destatis): 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Pressemitteilung, 11.12.2025
- [2] Rechel B et al.: Ageing in the European Union. Lancet 2013; 381(9874): 1312–1322.
- [3] Lincoff AM et al.: Semaglutide and Cardiovascular Outcomes in Obesity without Diabetes (SELECT Trial). N Engl J Med 2023; 389(24): 2221–2232.
- [4] Breyer F, Felder S: Life expectancy and health care expenditures: A new calculation for Germany using the costs of dying. Health Policy 2006; 75(2): 178–186.
- [5] Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Finanzentwicklung der GKV im 1.–4. Quartal 2025.
- [6] Bundesrechnungshof: Entwicklung der Finanzlage in der gesetzlichen Krankenversicherung. Bericht
2025. - [7] NICE (National Institute for Health and Care Excellence): Guide to the Methods of Technology
Appraisal. London 2022. - [8] Beivers A, Waehlert L: DRG-Einführung in Deutschland: Anspruch, Wirklichkeit und
Anpassungsbedarf aus gesundheitsökonomischer Sicht. In: Klauber J et al. (Hrsg.): Krankenhaus-Report 2020
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