Epochale Zeitenwende bei BHS Corrugated: Die Schachtel ist halb voll
Epochale Zeitenwende bei BHS Corrugated: Die Schachtel ist halb voll
Wenn der Vorstandssprecher der BHS Corrugated von einer „epochalen Zeitenwende“ spricht, meint er damit mehr als das allgegenwärtige Lamento über hohe Energiepreise oder geopolitische Verwerfungen. Er bezeichnet die Neuausrichtung seines Unternehmens als „Systembruch“.
In den USA wird Demokratie abgeschafft, in China wird ein System eingeführt, das wir noch gar nicht verstanden haben.
Christian Engel
Kein alarmistischer Satz, sondern die nüchterne Beschreibung eines CEOs, der Weltmärkte nicht aus dem Lehrbuch kennt, sondern aus Lieferketten, Serviceverträgen und Auftragsbüchern. Die Krise ist nicht regional, sie ist gleichzeitig überall – und gerade deshalb gefährlich. China, USA, Europa: Überall andere Brüche, zu viele in Summe.
Die soziale Dimension der Zeitenwende
Dass dieser Umbau nicht ohne Einschnitte möglich ist, verschweigt Engel nicht. Weltweit trennt sich BHS Corrugated von rund 15 Prozent der Belegschaft, in Deutschland von knapp zehn Prozent. Am Standort Weiherhammer betrifft das aktuell 110 Beschäftigte. Es ist geplant, dass sie in eine Transfergesellschaft wechseln, um den Bruch abzufedern.
Der Stellenabbau folgt keiner kurzfristigen Sparlogik. Betroffen sind Projekte, die man sich in Zeiten hohen Wachstums leisten konnte – oder Vorhaben, bei denen der technologische Durchbruch zu langsam kam. Nicht einzelne Menschen stehen zur Disposition, sondern ganze Entwicklungsstränge. Für Engel ist das kein Widerspruch zu Verantwortung, sondern deren Konsequenz. Wer Strukturen nicht anpasst, gefährdet am Ende alle Arbeitsplätze.
Chance der Krise
Und doch verweigert sich Engel der industriellen Melancholie. Krise ist für ihn kein Schicksal, sondern ein Weckruf. „In jeder Krise steckt auch eine Chance – und die Pflicht, proaktiv zu handeln.“ Der Kern des Problems liegt tiefer: Die Investitionszurückhaltung der Kunden ist nicht zyklisch, sie ist strukturell. Post-Corona, sagt Engel, sei die Branche in einem Zustand angekommen, den man früher beschönigt hätte.
Die Schachtel ist halb voll.
Christian Engel
Was harmlos klingt, ist in Wahrheit ein Warnsignal. Besonders im Neumaschinengeschäft brechen Aufträge weg. Gleichzeitig steigt der Druck gnadenlos – gespart wird nicht nur an Material oder Energie, sondern an allem. „Es ist kein Kostenmanagement mehr. Es ist Sparen an Menschen, an Rohstoffen, an Zukunft. Es sind fast chinesische Zustände.“
Flucht nach vorn
Die Antwort von BHS Corrugated darauf ist kein Rückzug, sondern eine Flucht nach vorn: Digitalisierung, Automatisierung, Energieeffizienz – gebündelt im strategischen Leitbild des „Corruverse“, der intelligenten Wellpappenfabrik. Innovation ist bei Engel keine Kür mehr, sondern der einzige Weg zur Kostenkontrolle.
Innovation ist Kostenkontrolle.
Christian Engel
Diese Strategie kostet Geld, bindet Kapital und verlangt Geduld – aber sie ist bewusst gewählt. Wachstum unter Spannung, nicht Wachstum aus Bequemlichkeit. Neue Standorte, Dezentralisierung, Entwicklung – und gleichzeitig eine gnadenlose Neuausrichtung der Organisation. „Sonst werden aus Globalisierungsgewinnern Globalisierungsverlierer.“
Weiherhammer bleibt Anker und Herz
Dass dieser Umbau auch Arbeitsplätze betrifft, sagt Engel ohne Umschweife – weltweit und am Hauptstandort Weiherhammer. Gerade deshalb ist Transparenz für ihn keine PR-Frage, sondern Führungsaufgabe.
Die Wirklichkeit ändert sich nicht, wenn wir sie nicht kommunizieren.
Christian Engel
Weiherhammer bleibt Anker und Herz – aber ein Anker, der immer wieder neu ausgeworfen wird. Kompetenz aus 30 Jahren, Milliarden installierter Maschinen, globale Servicepower. Regional verwurzelt, global neu justiert. Keine Romantik, sondern Stabilität. Und am Ende bleibt eine Haltung, die man in diesen Zeiten selten hört – und doch dringend braucht: „Entschlossenheit. Und der Mut zur Veränderung.“
Neue Weltordnung
Die Härte der Entscheidung speist sich aus einer Analyse, die weit über das eigene Unternehmen hinausgeht. Engel spricht von einer neuen Weltordnung: multipolar, konflikthaft, wirtschaftlich instrumentalisiert. China und die USA betreiben Industriepolitik mit offenem Machtanspruch, Europa reagiert häufig regulierend, bevor es die technischen Innovationen versteht.
Wir machen uns das Leben selbst umständlich.
Christian Engel
China ist dabei zugleich Bedrohung und Lernraum. Die Geschwindigkeit, mit der dort Technologien entwickelt, skaliert und in den Markt gebracht werden, ist für europäische Entwickler kaum erreichbar. „China Speed“ wird zur strategischen Kategorie. BHS reagiert, indem es Entwicklung dort zulässt, wo Tempo möglich ist – und zugleich die industrielle DNA, Systemkompetenz und globale Serviceorganisation aus Weiherhammer heraus stärkt.
Der Umbau ist deshalb kein Rückzug aus der Region, sondern eine Neuverankerung unter veränderten globalen Bedingungen. Weiherhammer bleibt Herz und Anker – aber eines, das regelmäßig neu ausgeworfen werden muss. Entschlossenheit ersetzt Gewissheit. Und Veränderung wird zur Führungsaufgabe.
Was hinter der „epochalen Zeitenwende“ steckt
Im ausführlichen Interview (folgt demnächst) mit den Vorständen Christian Engel, Lars Engel und Personalchef Manfred Riedl wird deutlich, wie tiefgreifend der Umbau bei BHS Corrugated tatsächlich ist. Die Neuausrichtung ist keine Reaktion auf eine einzelne Krise, sondern auf eine „Gleichzeitigkeit der Brüche“: geopolitische Machtverschiebungen, strukturelle Investitionszurückhaltung nach Corona, chinesische Industriepolitik und ein zunehmender Wettbewerbsnachteil Europas.
Konkret bedeutet das auch Einschnitte: Weltweit trennt sich BHS von rund 15 Prozent der Belegschaft, in Deutschland von knapp zehn Prozent. Am Standort Weiherhammer wechseln 110 Beschäftigte für zehn Monate in eine Transfergesellschaft – bewusst, um den sozialen Bruch abzufedern. „Wenn wir nichts machen, wird das existenziell“, sagt Christian Engel.
Zugleich beschreibt das Interview die strategische Gegenbewegung: konsequente Fokussierung, Abbruch nicht mehr tragfähiger Projekte, massive Investitionen in Digitalisierung, Energieeffizienz und Künstliche Intelligenz. KI sei „die letzte Chance für einen Produktivitätsschub“, nicht als Vision, sondern bereits als funktionierender Bestandteil der Maschinen.
Besonders scharf fällt die Analyse der globalen Ordnung aus. China und die USA betreiben Industriepolitik mit Tempo und Machtanspruch, während Europa sich selbst reguliert, bevor es versteht. „China Speed“ wird zur strategischen Kategorie. Die Antwort von BHS: Entwicklung dort, wo Geschwindigkeit möglich ist – und gleichzeitig die industrielle DNA, Systemkompetenz und globale Servicepräsenz aus Weiherhammer heraus stärken.
Am Ende steht kein Heilsversprechen, sondern eine Haltung: Entschlossenheit statt Abwarten, Umbau statt Beschwichtigung. Oder, wie Engel es formuliert: „Ich will Exportweltmeister für Wellpappenmaschinen bleiben – egal ob aus Deutschland oder aus China.“




