Take me out-Party endet mit Tod des besten Freundes: Kandidat sagt im Champagner-Prozess aus

Take me out-Party endet mit Tod des besten Freundes: Kandidat sagt im Champagner-Prozess aus
Der Strahlemann aus Regensburg war Teilnehmer der RTL-Datingshow „Take me out“, einer etwas heißeren Version von „Herzblatt“. Markus G. verkauft sich darin ganz gut: Die Single-Frauen mögen seine blauen Augen und den „schicken Style“, fremdeln allenfalls mit dem Oberpfälzer Dialekt. Eine junge Dame ist begeistert von der Aussicht auf einen Bootsausflug auf der Donau. Sie sagt wörtlich: „Schampusflasche mit – und los geht’s.“
Am 13. Februar 2023 wollte die Clique von Markus G. die Ausstrahlung dieser Sendung begießen – mit „Moet & Chandon Ice“, dem Lieblingsgetränk der Freunde. Süßer Champagner, nicht jedermanns Geschmack. Danach war nichts mehr wie zuvor.
Erstes Wochenende ohne Ausgangsbeschränkung
Es gibt ein Video aus der Tatnacht, in dem tanzt der Regensburger mit Salatgurken in der Hand im „La Vita“. Dahinter wird auf dem TV-Bildschirm die Dating-Show ausgestrahlt. Die Gurken sind ein Gag, anspielend auf die anzügliche Äußerung einer Kandidatin. Auf dem Tisch stehen Aperol Spritz. Alle lachen. Die gute Stimmung hatte an diesem Abend noch einen anderen Grund: „Herr Söder hatte in der Woche davor den Lockdown aufgehoben“, erinnert sich Markus G. im Zeugenstand vor Gericht. „Harry rief an und sagte: Komm, wir feiern.“
Der Abend wurde aus einem ganz anderen Grund unvergesslich. Keine Stunde, nachdem er die Gurken schwenkte, war sein bester Freund Harry Z. tot. Die zwei gehören zu den acht Personen, die in dieser Nacht von dem vermeintlichen Champagner tranken. Flüssiges MDMA vergiftete ihre Körper. Dem Niederländer Theo G. wird vorgeworfen, den Ecstasy-Grundstoff in diese Flasche gefüllt zu haben: als Tarnung für den Drogenhandel.
„Hä?“: Lila Farbe fiel zu spät auf
Markus G. sieht den großen Niederländer vor Gericht nicht einmal an. Der 39-jährige Hausverwalter ist ausschließlich der 1. großen Strafkammer zugewandt. Er durchlebt noch einmal den Moment, als er mit den Freunden anstieß. Und ja, das wird am Freitag vor Gericht an mehreren Stellen deutlich: Es haben doch einige der Umstehenden gemerkt, dass da kein Champagner im Glas war. Die Flüssigkeit sah aus wie Rotwein.
„Hä? Der Moet soll doch kristallfarben oder bläulich sein“, rief ein Kumpel (48). „Ist das ein Sondermodell?“ Er trank nicht, aber die Lippen waren schon benetzt – das reichte aus. Restaurantleiterin Franziska Voigt nippte und spuckte sofort in die Spüle aus. Sie nahm an, der Schampus sei gekippt. Sekunden später drehte sich bei allen das Leben auf links. Wirtin „Franzi“ fiel in ein schwarzes Loch, wie sie es beschreibt. „Ich dachte: So. Jetzt bist du tot.“ Sie wachte erst am nächsten Tag im Klinikum Amberg wieder auf.
Markus G. hat sein Leben komplett umgekrempelt
Unter Tränen schildert der 48-jährige Geschäftsführer aus Pfreimd, wie seine Bekannten im Lokal zu Boden gingen. Harry Z. wurde reanimiert. Er habe ihm dabei die Hand gehalten. Die Folgen der MDMA-Vergiftung waren für alle gravierend. „Ein halbes Jahr war es die Hölle, hin und zurück“, sagt der 48-Jährige. Er habe über Monate nicht länger als zwei, drei Stunden am Stück geschlafen. Ähnliches berichtet Markus G., der nach der Vergiftung eine ganze Woche überhaupt nicht schlief. Von Sonntag bis Samstag.
Markus G. hatte nach dem „Champagner“-Schluck Krampfanfälle und Halluzinationen bekommen. Er hörte die Schreie der anderen. „Was da passiert ist, war nicht von dieser Welt“, wiederholt er mehrmals. Noch am nächsten Tag in der Klinik habe er halluziniert. Die Ärzte sah er doppelt. Der „Showstar“ von damals kam mit dem Tod von Harry, einem seiner zwei besten Freunde, nur schwer zurecht. Er wechselte den Wohnort nach Oberbayern, kündigte seinen Job. „Ich musste etwas ändern, sonst zerreißt’s mich. Ich musste raus da.“
Weitere Nebenklägerin
Mit Franziska Voigt gibt es nun neben der Geschädigten Nicole Bock und der Witwe von Harald Z. eine weitere Nebenklägerin. Sie wird von Anwältin Dr. Simone Bayer vertreten, die beiden anderen Frauen von Oliver Mattes und Dr. Hans-Wolfgang Schnupfhagn.
Probleme mit Ladung der Auslandszeugen
Keine guten Nachrichten hatte Vorsitzender Richter Peter Werner, was die Auslandszeugen anbelangt. Enorm wichtig wären die zwei Hauptbelastungszeugen. Aber es gibt ein Problem mit der Zustellung der Ladung an den damaligen Lagerverwalter Patrick B. aus Arnheim. Er soll die MDMA-Flaschen aus der Lagerbox von Theo G. entnommen haben, um sie zu verhökern – im Glauben, es handle sich um echten Champagner.
Außerdem liegt ein Schreiben des zweiten Hauptbelastungszeugen Jacek G. vor, der nicht nach Weiden kommen will. Er wäre aber für eine Videovernehmung in seinem Heimatland bereit. Jacek G., der zeitweise in Deutschland in Haft saß, hat Theo G. erheblich belastet und ihm die Flaschen zugeordnet.
Die Strafkammer will auf diese beiden Zeugen nicht verzichten, betonte Vorsitzender Richter Werner. Es gibt jetzt mehrere Möglichkeiten. Das könnten beispielsweise eine Videovernehmung oder eine kommissarische Vernehmung durch einen Richter vor Ort sein. Denkbar ist auch, dass die Strafkammer des Landgerichts Weiden nach Polen reist und Jacek N. dort selbst vernimmt.
Etliche Absagen aus den Niederlanden
Von weiteren sieben Zeugen aus den Niederlanden hat man entweder keine Reaktion auf die Ladung erhalten oder sie haben mitgeteilt, nicht kommen zu wollen. Darunter ist beispielsweise der Weinhändler, der vor acht Jahren die Original-Drei-Liter-Flaschen verkauft hatte. Der Käufer, ein Niederländer, lebt nicht mehr.
Insgesamt sollen es 20 Flaschen dieser einen Charge gewesen sein, die als Drogendepot missbraucht wurden. Acht konnte die Zollfahndung orten und teilweise sicherstellen, darunter die Flasche aus Weiden und eine, die in Rotterdam geöffnet wurde. Es gab 2022 einen internationalen Such-Aufruf zu den Flaschen.




