Jetzt Tickets für die kommenden Jahn-Spiele sichern!
OTH Amberg-Weiden
OTH Amberg-Weiden

Testamentsfälscher-Prozess: Seine Geliebte erfuhr nach dem Tod von seinem Doppelleben

Weiden. Im Prozess gegen den mutmaßlichen Testamentsfälscher Ingmar G. tritt seine Nürnberger Geliebte in den Zeugenstand. Sie erfuhr erst nach dem Tod der reichen Erblasserin von seinem Doppelleben – und steht heute trotzdem zu ihm.

Weiden. Im Prozess gegen den mutmaßlichen Testamentsfälscher Ingmar G. tritt seine Nürnberger Geliebte in den Zeugenstand. Sie erfuhr erst nach dem Tod der reichen Erblasserin von seinem Doppelleben – und steht heute trotzdem zu ihm.
Prozess um mutmaßliche Testamentsfälschung: Der Angeklagte auf dem Weg in den Gerichtssaal. Foto: Martin Stangl

Testamentsfälscher-Prozess: Seine Geliebte erfuhr nach dem Tod von seinem Doppelleben

Es ist der spannendste Moment des Prozesstags am Montag: In den Zeugenstand tritt am Nachmittag die aktuelle Verlobte des Angeklagten. Die 60-jährige Nürnbergerin war schon 2020 seine Geliebte („Freundschaft plus“), als er noch mit der verstorbenen Erblasserin in Parkstein zusammenwohnte. „Ich wusste nichts von ihr.“ Erst als sich die Anwältin aus Parkstein das Leben nahm, wurde sie ins Bild gesetzt – von der Polizei. Die (damals noch verheiratete) Nürnbergerin war nämlich seine Alibizeugin. Der Angeklagte hatte am Todestag zwei Stunden bei ihr in Nürnberg verbracht, zuvor war er nachweislich in einem Schwimmbad.

Sie habe ihm 2020 vergeben, weil er so verzweifelt war. Er habe ihre emotionale Unterstützung gebraucht, sagt die selbstbewusste, schlanke 60-Jährige vor Gericht. „Er ist völlig zusammengebrochen, hat geweint und sich Vorwürfe gemacht, den Suizid nicht verhindert zu haben.“ Vom Testament sei nie die Rede gewesen. „99 Prozent unserer Gespräche drehten sich um die Verstorbene und ihren gesundheitlichen Zustand.“ Seither führe man eine schöne Beziehung.

Liste mit Frauen geführt

Das waren aber offenbar nicht die einzigen Frauen im Leben von Ingmar G. Wie eine von ihm geführte Tabelle zeigt, pflegte der Angeklagte über 25 Jahre parallel mehrere Beziehungen. Die Frauen lernte der inzwischen 61-Jährige per Parship kennen und ließ sich von ihnen aushalten. Urlaube nach Amerika, Äthiopien, Norwegen, Nilkreuzfahrt inklusive.

Denn: Selbst hatte der Landschaftsarchitekt aus dem Rheinland kaum Geld. Er lebte von Sozialleistungen. Für ihn wäre das Erbe ein großer Coup gewesen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, nach dem Suizid seiner letzten Lebensgefährtin – der Anwältin aus Parkstein – ein Testament und einen Abschiedsbrief gefälscht zu haben. Darin begünstigte er sich selbst. Wert des Erbes: rund 3 Millionen Euro mit Grundbesitz. Er scheiterte am Misstrauen des Nachlassgerichts Weiden.

Während U-Haft entdeckt Geliebte sein Doppelleben

Seine Frauengeschichten fallen ihm jetzt – im inzwischen zweiten Prozess vor dem Landgericht Weiden – auf die Füße. Und zwar durch die Frauen selbst. Eine Zeugin vom letzten Prozesstag hat sich offenbar noch einmal besonnen. Die frühere Kollegin hatte vor den Sommerferien ausgesagt, nur wenig zu wissen. Im Nachgang stellte sie dem Gericht jedoch E-Mails zur Verfügung.

Darin hatte sie sich während des laufenden Prozesses mit der Nürnberger Geliebten des Angeklagten ausgetauscht. Diese räumte während seiner Untersuchungshaft die Wohnung in Fürth auf – und stieß dort auf Belege für Liebschaften und Parallelbeziehungen. „Sicher habe ich nur die Spitze des Eisbergs gesichert. Bei manchen Damen fungierte Ingmar offensichtlich als Lebensgefährte, wie auch gleichzeitig bei mir.“

Grammer Solar
Grammer Solar

Unter anderem entdeckte sie eine Zeittafel, die inzwischen auch dem Landgericht vorliegt. Darin listet Ingmar G. seine Frauenbekanntschaften auf, versehen mit Fußnoten („zäh, sportlich“) und unterschiedlichen Markierungen (beispielsweise „unplatonisch“, „zusammengewohnt“).

Geliebte hat ihm verziehen

Die Geliebte aus Nürnberg war offensichtlich entsetzt. In einer E-Mail an die frühere Kollegin schreibt sie: „Dieses Muster, mit mehreren Frauen ein erotisches Verhältnis zu haben, zieht sich durch seine gesamte Laufbahn. Es ist bitter, zu wissen, dass er mein Vertrauen missbrauchte und meine Lebenszeit stahl. Die intensivste Freundschaft meines Lebens existiert nicht mehr. Sie hat wohl nie existiert.“ Der Lebensgefährte habe sich als „Hochstapler und verschlagener, dreister Betrüger“ entpuppt.

Randbemerkung: Selbst das kann offenbar die Liebe der Nürnbergerin nicht erschüttern. „Ich habe mich entschlossen, zu ihm zu stehen“, sagt die 60-Jährige am Montag vor Gericht. Sie bestätigt eine Verlobung während der Inhaftierung. Weitere pikante Randbemerkung: Sie ist Mitarbeiterin der Nürnberger Kanzlei, die Ingmar G. im ersten Prozess vertreten hatte. Sie gibt zu, die Verteidigerpost für private Kommunikation mit dem Geliebten missbraucht zu haben. Nach ihren Angaben erfolgte das mit dem Wissen des Verteidigers (Bericht folgt).

Leni, Ann-Gabriele, Elisabeth, Nora

Vorsitzender Richter Markus Fillinger konfrontiert am Montag den Angeklagten mit der Frauenliste, der wortreich ins Rudern kommt. 99,9 Prozent der Damen waren nach seiner Aussage „Kaffee-und-Kuchen-Beziehungen“. Erst als die geliebte Anwältin nur noch depressiv im Bett lag, habe er mit der Partnerin in Nürnberg „nicht mehr nur Kaffee getrunken und Kuchen gegessen“.

Viele der Frauen habe er getroffen, weil er sie kultiviert fand. „Ich schätze intellektuelle Menschen. Manchmal sind die sogar hübsch.“ Leni, Ann-Gabriele, Elisabeth, Nora … Eine davon sei beispielsweise eine mittlerweile 80-jährige Oberstudienrätin. „Sie kann sich fein ausdrücken, ganz gut Französisch reden und spielt Klavier.“

Beweislage noch besser als im ersten Prozess

Staatsanwalt Matthias Bauer glaubt ihm „kein Wort“: „Sie lügen uns hier von Anfang an an. Das dürfen Sie als Angeklagter. Aber irgendwann endet dieser Prozess.“ Die Karten für eine Verurteilung sind gut. Denn in den E-Mails findet sich auch ein Hinweis auf eine Testamentsfälschung. So berichtet die Kollegin, dass der Angeklagte ungeduldig auf die Auszahlung des Millionenerbes wartete. Er habe angekündigt, dass „noch ein Brief auftauchen“ werde, wenn das Erbe nicht bald fließt.

Und tatsächlich war es ja so: Zunächst legte Ingmar G. 2021 das handgeschriebene Testament vor. Als das vom Amtsgericht Weiden angezweifelt und nach einem Schriftgutachten abgelehnt wurde, legte er nach. Er brachte einen Abschiedsbrief, der erst verspätet in den Unterlagen aufgetaucht sei. Auch darin setzt ihn die Anwältin als Alleinerben ein.

Angeblich jetzt verlobt

Die Strafkammer am Landgericht Weiden hört derzeit alle Zeugen noch einmal an: Polizisten, Rechtspfleger, die Richterin, die damals den Erbschein verweigerte… Der Prozess hatte neu begonnen werden müssen, weil auf Antrag des Verteidigers Dominic Kriegel ein psychiatrischer Sachverständiger die Schuldfähigkeit beurteilen soll. Auch der Schriftgutachter des Landeskriminalamtes tritt erneut in den Zeugenstand. Er setzt noch einen drauf: Er habe „überhaupt keinen Zweifel“, dass Ingmar G. die Schriftstücke geschrieben habe.

Der Prozess wird am Donnerstag, 11. September, um 9 Uhr fortgesetzt. Psychiater Dr. Thomas Lippert wird sein Gutachten erstatten. Dann könnten die Plädoyers und das Urteil folgen.