True-Crime-Anwalt Dr. Alexander Stevens: abends auf der Showbühne, morgens im Gericht

True-Crime-Anwalt Dr. Alexander Stevens: abends auf der Showbühne, morgens im Gericht
„Hello hello hello“: Die Fans kennen den üblichen Begrüßungsspruch von Moderatorin Jacqueline Bell, die mit Stevens auftritt. Jeden Freitag fiebern die Hörer der neuen Folge entgegen. Der Podcast „True Crime 187“ gehört zu den Top 10 des Genres in Deutschland, wie schon der Vorläufer unter dem Logo „Bayern 3“. Im Sommer 2025 trennte sich der Bayerische Rundfunk von Stevens. Hintergrund war massive Kritik von Familie Baumer, den Angehörigen des Mordopfers Marie Baumer aus Regensburg. Im Tour-Programm waren Tatortfotos gezeigt worden.
Auch am Donnerstagabend geht es vor dem Weidener Publikum um zwei reale Mordfälle. Thema jeweils „Toxic Love“, die Täterinnen in beiden Fällen weiblich – statistisch eher ungewöhnlich, wie Stevens selbst erklärt. Nur 15 Prozent aller Tötungsdelikte werden von Frauen begangen. Die Klippe mit Angehörigen umschifft der Münchner Strafverteidiger, weil er zumindest im ersten Fall vor Gericht nicht den Täter, sondern die Familie des Opfers als Nebenkläger vertreten hat.
Bestseller und sogar Socken
Gezeigt werden gepixelte Fotos vom Tatort, sogar von einer Obduktion, WhatsApp-Chatverläufe, dazu rekonstruierte Statements der Beteiligten. Alles sehr smart, alles sehr interaktiv. Das Publikum – zum Großteil um die 30 bis 40 Jahre – darf mitraten und per QR-Code urteilen und abstimmen. Zu interessanten Fragen: Wer trackt seinen Partner? (Überraschend viele.) Wer kennt dessen Handy-PIN? (Ebenfalls viele.)
Letztlich muss man es den beiden lassen: Die zweieinhalb Stunden verfliegen. Zwischendurch setzt sich der Jurist ans Piano. Und so ein klein wenig Jura-Kenntnisse bekommt das Publikum auch noch serviert: Mit Auszügen aus dem Strafgesetzbuch zum Thema Notwehr beispielsweise. In den Pausen gibt es jede Menge „Merch“, darunter die Bestseller von Stevens und sogar Socken – mit „Hello hello hello“-Aufdruck.
Champagner-Prozess: 260.000 Nachrichten ausgewertet
„Hiermit eröffne ich die Sitzung des Landgerichts Weiden.“ Am Freitagfrüh hört sich das bei Richter Peter Werner deutlich trockener an. Dafür ist der Zutritt zum Gericht kostenlos (Ticketpreis „Toxic Love“ zwischen 40 und 60 Euro). Im Prozess gegen den 46-jährigen Niederländer Theo G. stehen am Freitag drei Zeugenaussagen von Ermittlern an. Nach wie vor geht es um die Frage, ob man ihm nachweisen kann, der Besitzer der MDMA-gefüllten Champagner-Flasche gewesen zu sein. Als diese im Februar 2022 in Weiden versehentlich zum Ausschank kam, starb ein Mann.
Und so ein klein wenig gibt es Parallelen zur Show vom Vorabend: Digitale Spuren werden immer wichtiger. Der Zoll hat die Smartphones des Niederländers ausgewertet. Auf seinen Handys befanden sich rund 260.000 Nachrichten in etwa 2.400 Chats, zigtausende Fotos, 13.000 Videos. In einigen der Filmchen zeigt Theo G. seine Marihuana-Plantage auf Thailand.
Marihuana-Produktion in Thailand
Unbestritten ist, dass der Niederländer mit Marihuana zu tun hat. Er selbst soll seinen Jobs einmal so erklärt haben: „Im Sommer ist er Eisverkäufer, im Winter ist er Event-Manager.“ Theo G. war viel auf Reisen, er organisierte unter anderem auf Bali Events, in Thailand betrieb er die besagte größere Marihuana-Produktion. In einem überwachten Telefonat spricht er mit einem Bekannten über gute Versteckmöglichkeiten beim Drogenschmuggel ins Ausland.
Aber MDMA? Verteidiger Philip Müller will wissen, ob es überhaupt eine Nachricht, ein Foto oder Video gäbe, auf dem Theo G. mit MDMA in Verbindung gebracht wird. Nein, sagt der Zollfahnder. In Chats wird sich einmal über MDMA/Ecstasy ausgetauscht, „aber keine Riesenmengen“.
2,5 Millionen Euro in Krypto-Währung – Fake oder echt?
In einem Krypto-Wallet findet sich ein Guthaben von 2,5 Millionen Euro. „Aber ob das ein realer Betrag ist, ist nicht verifizierbar“, sagt der Ermittler. Auch dubios, aber nicht strafbar: Theo G. überwies an einen Anbieter von Cannabinoid-Produkten statt 200 versehentlich 200.000 US-Dollar. Es gebe einen „lustigen Chat“, so der Zollbeamte, in dem der Niederländer versucht, sein Geld wieder zu bekommen.
Klar ist auch: Man hat nicht alles. Telegram und Signal speichern nur die Daten wenige Tage, manche Messenger-Diente nur wenige Stunden. Aus der Cloud konnten auch nur Bilder zurückdatiert bis Juli 2020 gesichert werden – die Abfüllung des flüssigen MDMA in die 3-Liter-Champagner-Flaschen muss aber vorher erfolgt sein.
Theo G. darf in Amberg wählen
Funfact: Theo G. hat eine Wahlbenachrichtigungskarte in das Gefängnis Amberg bekommen. Der niederländische Angeklagte im Champagner-Prozess darf als EU-Bürger bei der Kommunalwahl seine Stimmen abgeben. Er hat hier länger als drei Monate seinen Wohnsitz (seit anderthalb Jahren befindet sich Theo G. in Untersuchungshaft). Einen Kandidaten kennt er tatsächlich: OTV-Reporter Thomas Bärthlein berichtet regelmäßig aus dem Gerichtssaal – und kandidiert in Amberg für die CSU als Stadtrat.
Fortsetzung des Prozesses ist am Dienstag, 9 Uhr, dann noch einmal mit dem Chefermittler des Zollfahndungsamtes. Wichtig wird der 27. Februar. Dann wird der Hauptbelastungszeuge Jacek G. aus Polen zugeschalten. Er befindet sich für die Videovernehmung im Amtsgericht seines Heimatortes, wie Richter Werner informierte.













