[Live-Ticker] 4. Tag im Champagner-Prozess: Freunde verloren ihren besten Kumpel

[Live-Ticker] 4. Tag im Champagner-Prozess: Freunde verloren ihren besten Kumpel
[9.08 Uhr] Die Strafkammer hört die letzten drei Zeugen, die sich am folgenschweren Abend im Lokal „La Vita“ befanden. Ein 48-jähriger Geschäftsführer aus Pfreimd gehörte zur Clique des später Verstorbenen. Die 3-Liter-Flasche „Moet Ice“ hatte man am Vorabend bestellt, als man auch schon zu Gast war. Die Freundesgruppe plante, den Auftritt des gemeinsamen Bekannten Markus G. in der Fernseh-Show „Take me out“ zu feiern. Der süße Champagner „Moet Ice“ war das Stamm-Getränk der Freunde.
Der 48-Jährige erzählt die inzwischen bekannte Geschichte: Der Champagner wurde in blickdichte Acrylgläser eingeschenkt. Er habe die Lippen nur benetzt, ehe er die Verwechslung bemerkte. „Aber das hat schon ausgereicht zu bemerken, dass der Geruch nicht passt.“ Er lief auf die Straße und schrie um Hilfe. „Passanten meinten: Ich soll nicht so viel trinken.“ Geholfen habe ihm keiner.
„Hä? Sollte das nicht kristallfarben sein?“
Der Geschäftsführer kämpft vor Gericht mit den Tränen, als er den weiteren Ablauf schildert. Zurück im Lokal seien seine Freunde schon auf dem Boden gelegen. Markus G. hing am Waschbecken und zitterte. Seine Bekannte Nicole lag im Waschraum der Damen. Harry Z. wurde von Rettungssanitätern reanimiert. Er habe ihm noch die Hand gehalten, erinnert sich der 48-Jährige.
Vorsitzender Richter Peter Werner erkundigt sich nach seinem Befinden nach dem Vorfall. „Ein halbes Jahr war es die Hölle, hin und zurück“, sagt der 48-Jährige. Er habe über Monate nicht länger als zwei, drei Stunden am Stück geschlafen.
Vor Gericht tut sich der 48-Jährige schwer mit Erinnerungen. Er habe das so gut wie möglich verarbeitet. „Sie müssen das verstehen, man muss funktionieren.“ Er habe damals eine fünfjährige Tochter gehabt. So kann er sich auch nicht mehr an seine Aussage unmittelbar nach der Nacht bei der Kripo erinnern. Demnach hatte er noch bemerkt, dass die Flüssigkeit aus der Champagner-Flasche wie Rotwein aussah. Er habe noch zu seiner Bekannten gesagt: „Hä, der Moet sollte doch kristallfarben oder bläulich sein? Ist das ein Sondermodell?“
Probleme mit Ladung der Auslandszeugen
[9.30 Uhr] Keine guten Nachrichten hatte Vorsitzender Richter Peter Werner, was die Auslandszeugen anbelangt. Konkret geht es um die zwei Hauptbelastungszeugen. So gibt es ein Problem mit der Zustellung der Ladung an den damaligen Lagerverwalter Patrick B. aus Arnheim. Er soll die MDMA-Flaschen damals aus der Lagerbox von Theo G. geklaut haben, um sie zu verhökern – im Glauben, es handle sich um echten Champagner.
Außerdem liegt ein Schreiben des zweiten Hauptbelastungszeugen Jacek G. vor, der nicht nach Weiden anreisen will. Er wäre aber für eine Videovernehmung bereit. Er hält sich in Polen auf. Jacek G., der zeitweise in Haft saß, hatte Theo G. erheblich belastet und ihm die Flaschen zugeordnet.
Die Strafkammer will auf diese beiden Zeugen nicht verzichten, betonte Vorsitzender Richter Werner. Es gibt jetzt mehrere Möglichkeiten. Das könnten beispielsweise eine Videovernehmung oder eine kommissarische Vernehmung durch einen Richter vor Ort sein. Denkbar ist auch, dass die Strafkammer des Landgerichts Weiden nach Polen reist und die Erlaubnis bekommt, Jacek N. selbst zu vernehmen.
[9.52 Uhr] Nebenklagevertreter Oliver Mattes, der die Geschädigte Nicole Bock vertritt, würde die zwei Hauptbelastungszeugen auch gern persönlich sehen. „Da kommt es schon auf den persönlichen Eindruck an. Eine Videovernehmung halte ich für nicht ausreichend.“
Restaurantleiterin Franziska Voigt im Zeugenstand
[9.55 Uhr] Als nächste Zeugin tritt die damalige Restaurantleiterin Franziska Voigt in den Zeugenstand. Die 40-Jährige hatte damals den Gästen die Gläser gereicht und auch selbst mit angestoßen. Für sie beantragt Anwältin Dr. Simone Bayer die Nebenklage. Damit haben inzwischen drei Betroffene Nebenklage erhoben, neben Franziska Voigt, Nicole Bock zudem die Ehefrau des verstorbenen Harry Z., vertreten durch Anwalt Dr. Hans-Wolfgang Schnupfhagn.
Sie erinnert sich, wie der Barkeeper die Flasche öffnete: „Das wurde ein wenig zelebriert. Das macht man ja nicht alle Tage.“ Sie sei nach dem Anstoßen sofort hinter die Theke geeilt und habe den Schluck ins Waschbecken ausgespuckt. „Ich dachte mir noch: Der Chef Marcello wird mich umbringen, das kannste doch nicht machen.“
Unmittelbar darauf sei sie schon „in ein schwarzes Loch gefallen“: „Ich dachte: So, jetzt bist du tot.“ Sie erwachte am nächsten Tag im Klinikum Amberg und sah die Schläuche in ihrem Körper. Sie wusste nicht einmal mehr, dass sie mit dem Rettungshubschrauber verlegt worden war.
Sie habe sich anfangs schwer getan, wieder am „Tatort“ zu arbeiten. Letztlich hätten ihr Stammgäste geholfen, mit denen sie immer wieder über das Erlebte gesprochen habe.
Markus G.: Er wollte seinen Fernsehauftritt feiern – dann ändert sich sein Leben
[10.15 Uhr] Letzter Zeuge ist Markus G. Er stand damals im Mittelpunkt des Abends: Seine Freunde hatten mit ihm den Auftritt in der TV-Dating-Show „Take me out“ feiern wollen. Der 39-jährige Hausverwalter, inzwischen wohnhaft in Oberbayern, schildert den Abend und seine Vorgeschichte. In dieser Woche seien die strengen Corona-Bestimmungen aufgehoben worden. „Herr Söder hat den Lockdown aufgehoben. Und Harry rief an: Komm, wir feiern.“
Markus G. erinnert sich an einen heiteren Abend bei „zwei, drei Aperol“. Als die Fernsehshow losging – im Lokal hing ein Bildschirm – sei der Champagner serviert worden. Es habe nur Sekunden gedauert: „Ich habe gemerkt, dass das jetzt nicht von dieser Welt ist, was passiert.“ Er habe epileptische Anfälle bekommen, Zitteranfälle, Halluzinationen. Er hörte die Schreie der anderen. „Das war nicht von dieser Welt“, wiederholt der Zeuge immer wieder, sichtlich mitgenommen.
Dann: Filmriss. Markus G. erwachte am nächsten Tag in der Klinik. Das MDMA verursachte bei ihm, dass er dann eine ganze Woche überhaupt nicht geschlafen habe. Auch in der Klinik litt er noch unter Halluzinationen, sah die Ärzte doppelt. Er habe nur schwer verarbeiten können, dass er einen seiner besten Kumpel verloren hatte. Er habe in der Folge seinen Wohnort gewechselt, seinen Job gekündigt. „Ich musste etwas ändern, sonst zerreißt’s mich. Ich musste raus da.“
[10.25 Uhr] Der Prozesstag ist für heute schon zu Ende. Nebenklagevertreter Oliver Mattes schildert noch einen Vorfall vom letzten Prozesstag. Außerhalb des Gerichtsgebäudes sei ein wildfremder Mann auf seine Mandantin Nicole Bock zugekommen und habe zu ihr gesagt: „Der Angeklagte ist ein guter Junge. Das muss gesagt werden.“ Er kenne Theo G. aus dem „Knast“, so wörtlich. Nach ihrem Eindruck handelte es sich um einen Niederländer. Das Gericht sah in dem Vorfall keine Relevanz für den Prozess, Staatsanwalt May interessierte sich dafür schon.
Die bisherigen Prozesstage

Dritter Tag im Champagner-Prozess: Ein Schluck verändert das Leben dieser Frauen
Weiden. Am Freitag, dem dritten Tag im Champagner-Prozess, wird es still im Gerichtssaal. Im Mittelpunkt stehen die Aussagen von Carola Potrz und Nicole Bock, zwei Frauen, deren Leben sich durch einen Schluck vermeintlichen Champagners auf den Kopf gestellt hat.

Erster Prozesstag: Theo G. beschreibt sich als party guy
“I’m a party guy!” Zum Prozessauftakt wegen des tödlichen “Champagners” hat der Angeklagte aus seinem Leben erzählt. Es geht sehr viel um Partys, Festivals und Drogen. Einen Bezug zu der Flasche streitet er ab.

Gäste und Mitarbeiter im Champagner-Prozess: Es war wie ein schlechter Horror-Film
Weiden. Gäste und Mitarbeiterin schildern die Horror-Nacht im "La Vita" im Februar 2022. Von einer Sekunde zur nächsten kippte die Stimmung. Aus fröhlich Feiernden wurden "Zombies" mit Schaum vor dem Mund, die zu Boden sanken. "Es war wie ein schlechter Horrorfilm", sagt ein städtischer Mitarbeiter, zufällig Gast und Ersthelfer.





