OTH Amberg-Weiden
OTH Amberg-Weiden

[Live-Ticker] 3. Tag im Champagner-Prozess: Restaurantgäste mit schweren Folgeschäden

Weiden. Prozess um den tödlichen Champagner: Am heutigen Montag werden am Landgericht Weiden Gäste erwartet, die schwere Folgeschäden erlitten. Sie gehörten zur Clique des verstorbenen Harry Z. OberpfalzECHO bietet wieder einen Liveticker.

Weiden. Prozess um den tödlichen Champagner: Am heutigen Montag werden am Landgericht Weiden Gäste erwartet, die schwere Folgeschäden erlitten. Sie gehörten zur Clique des verstorbenen Harry Z.  OberpfalzECHO bietet wieder einen Liveticker.
Weiden. Prozess um den tödlichen Champagner: Am heutigen Montag werden am Landgericht Weiden Gäste erwartet, die schwere Folgeschäden erlitten. Sie gehörten zur Clique des verstorbenen Harry Z. OberpfalzECHO bietet wieder einen Liveticker.

[Live-Ticker] 3. Tag im Champagner-Prozess: Restaurantgäste mit schweren Folgeschäden

[14 Uhr] Die Verhandlung neigt sich für heute schon dem Ende. Weitere Zeugen werden laut Strafkammer nicht erwartet; die Restaurantleiterin wurde auf einen anderen Termin umgeladen. Fortsetzung ist am 9. Januar, 9 Uhr; am 15. Januar sind die ersten niederländischen Zeugen vorgesehen.

Verteidiger Philip Müller nutzt die Gelegenheit, um Nachermittlungen in den Niederlanden anzuregen. Es geht um ein Telefonat zwischen dem Hauptbelastungszeugen Jacek G. und dem Angeklagten. Der Bekannte – ein polnischer Staatsangehöriger – saß damals wegen der Champagner-Sache in Haft und telefonierte mit Theo G., der damals auf freiem Fuß war. Laut Anwalt Müller könnte es möglicherweise eine Audio-Aufnahme dieses Telefonats geben, wie in Justizvollzugsanstalten in den Niederlanden üblich.

Der Verteidiger spricht auch ein aktuelles Verfahren gegen Jacek G. in Kleve an; dazu hätte er gern das Urteil. Staatsanwalt Christoph-Alexander May ist für alles offen: Mit einem richterlichen Beschluss könne er gern versuchen, aufgezeichnete Telefonate aus den Niederlanden zu beschlagnahmen.

[14 Uhr] Carola Portz berichtet von einer Odyssee zu Ärzten, Heilpraktikern, Neurologen, Toxikologen. Das sei belastend, aber sie wolle „nach vorne schauen“. „Ich habe zwei Kinder“, sagt die Frau: „Aufgeben ist keine Option.“ Der Sohn ist inzwischen 19 Jahre alt, die Tochter 15.

[13.50 Uhr] Richter Werner erkundigt sich nach ihrem Gesundheitszustand. Sie leide an Dystonien, neurologischen Muskelverkrampfungen: „Ich reagiere auf kleineste Schlaglöcher mit unwillkürlichen Bewegungen.“ Sie geht mit Stöcken, braucht immer wieder den Rollstuhl. „Ich kann nirgends mehr richtig hingehen.“

Sie kann nicht mehr Auto fahren, sie kann nicht mehr selbstständig Einkaufen gehen. „Ich kann sehr viel nicht mehr machen.“ Zuvor war sie sportlich, fit, ging Laufen, arbeitete Vollzeit. Heute kann Carola Potrz überhaupt nicht mehr arbeiten. Zwischenzeitlich ist sie als unbefristet berufsunfähig eingestuft.

WITRON – Schnuppertage
WITRON – Schnuppertage

Sie berichtet von Klinik- und Reha-Aufenthalten. Anfangs litt sie an einer Hemiparese rechts (Halbseitenlähmung). Bei der Reha waren die Therapeuten ratlos, so ungewöhnlich waren die Symptome, die letztlich als Dystonien diagnostiziert wurden. „Ich konnte mich nicht nach links drehen, nicht nach rechts drehen. Ich bin immer nach vorne gefallen.“ Sie habe sich überhaupt nirgends mehr hingehen können: Ein kleiner Rempler – und sie fiel um. Manchmal bekommt sie epileptische Anfälle bei vollem Bewusstsein.

[13.40 Uhr] Carola Potrz wachte am Folgetag auf der Intensivstation in Regensburg gegen 19 Uhr wieder auf. Sie hatte eine Hirnblutung erlitten. Ihr erster Gedanke: „Ich habe das überlebt.“

[13.25 Uhr] Die nächste Geschädigte sitzt bereit: Carola Potrz, zweifache Mutter und Krankenschwester von Beruf.

Die 41-Jährige ist Krankenschwester und lebt im Landkreis Neustadt/WN. Am 13. Februar 2022 hatte sie sich mit ihrer Freundin in Weiden verabredet. Zunächst waren sie in einer Weidener Osteria essen, gegen 22 Uhr schauten sie „einen Sprung“ ins „La Vita“. Die beiden Frauen tranken alkoholfreie Cocktails am Tresen, daneben feierte die ihnen flüchtig bekannte Clique.

„Ich habe an diesem Abend eigentlich gar nichts getrunken.“ Als die Clique zum Anstoßen ein pinkfarbenes Moet-Glas reichte, stieß sie direkt an und trank. „Es war ein kleiner Nipp.“ In dem Moment, als sie den angeblichen Champagner schluckte, habe sie im Glas die ölige, dunkle Flüssigkeit gesehen. „Ich habe sofort gewusst, dass das Gift ist. Ich habe total Panik gekriegt.“

Sie sah, wie die anderen aus der Runde in Richtung Toilette gingen. Sie selbst lief nach draußen und schrie laut: „Ich war in einer komplett anderen Welt, habe immer geschrien: Was ist hier los?“ Die Krankenschwester wies den Wirt an, alles an Rettungskräften herbeizuholen, was möglich sei. Sie versuchte sogar noch, auf ihrer eigenen Station – der Intensivstation im Klinikum Weiden – anrufen und ankündigen, „dass jetzt ganz was Schlimmes kommt“. Sie habe Todesangst gehabt und an ihre beiden Kinder gedacht. Dann: Filmriss.

Fortsetzung im Champagner-Prozess: (von links) die Richter Vera Höcht, Peter Werner und Florian Bauer, von hinten der Angeklagte mit Übersetzerin. Rechts hat Zeugin Carola Potrz Platz genommen. Foto: Christine Ascherl

[11.12 Uhr] Der Zeuge wird entlassen. Um 13.30 Uhr wird fortgesetzt. Dann folgen noch drei Zeugen.

[11 Uhr] Der letzte Zeuge für den Vormittag ist da: Auch der 37-jährige Projektleiter war an dem Februarabend 2022 zu Gast im „La Vita“. Seine Gruppe hatte den Tisch neben der Clique von Markus G. Ihm und seinen Freunden wurde auch Champagner angeboten. Er habe sich auch ein Glas genommen, habe es aber gleich wieder abgestellt, ohne davon zu schlucken. Dann sanken um ihn herum auch schon Gäste zu Boden. Die Restaurantleiterin lag hinter den Theke und begann zu krampfen. „Man hat bloß noch Schreien gehört überall.“ Polizei traf ein, dann die Krankenwagen. Auch er brach zusammen – „vielleicht der Stress“ – und musste mit Herzrasen in die Klinik gebracht werden.

In Sichtweite: Die Geschädigte Nicole Bock mit Nebenklagevertreter Anwalt Oliver Mattes sitzen gegenüber von Theo G. mit Verteidiger Philip Müller. Foto: Christine Ascherl

MDMA-Vergiftung soll MS ausgelöst haben

[10.25 Uhr] Nicole Bock wachte auf der Intensivstation wieder auf. Ihr fehlt viel an Erinnerung. So schildert die freiberufliche Kosmetikerin beispielsweise, wie eine Kundin bei der Fußpflege sich Monate danach nach ihrem Gesundheitszustand erkundigte. Diese sei Sanitäterin und beim Einsatz dabei gewesen. „Sie berichtete mir, dass es so schlimm war, dass danach auch die Einsatzkräfte psychologische Hilfe brauchten.“

Auch sie leidet an beträchtlichen Folgen: Sie leide an Muskelzuckungen und Sehstörungen, habe Wahnvorstellungen in der Nacht. Sie habe Schlafstörungen und könne ihren Beruf als Kommunikationscoach nicht mehr ausführen. Zuvor war sie in einem großen Weidener Unternehmen als Dozentin angestellt. Diagnostiziert sei eine posttraumatische Belastungsstörung, die sich in Angststörungen zeige. Als Beispiel schildert sie eine Panikattacke in einem Supermarkt, weil sie das Piepsen der Kassen nicht ertragen habe.

Die MDMA-Vergiftung habe bei ihr eine Form von Multipler Sklerose ausgelöst, die mit chronischer Erschöpfung einhergehe. „Die Ärzte sagen, dass keine Besserung mehr eintreten wird.“ Sie könne nicht länger als drei, vier Stunden pro Tag arbeiten und sei inzwischen hauptberuflich Kosmetikerin.

Nicole Bock aus Weiden vor ihrer Aussage am Landgericht Weiden. Foto: Christine Ascherl

[10.10 Uhr] Nicole Bock tritt in den Zeugenstand. Die 46-jährige Unternehmerin aus Weiden gehörte zur Clique, die sich damals im „La Vita“ zum Feiern traf. Sie schildert die Stimmung damals: Corona war gerade vorbei, „wir waren froh“, gleichzeitig wollte man den TV-Auftritt von Freund Markus G. feiern. Kurz nach Mitternacht wurde die bestellte Moet-Flasche geöffnet, gerade, als Markus G. in der Sendung „einlief“. „Wir stießen auf ihn an.“ In Sekunden habe sich die Wirkung gezeigt: Herzrasen, Zittern.

Auch sie ging sofort in den Toilettenraum. Auch sie erbrach sich absichtlich. Dann hielt sie sich am Fenstergriff fest, sank auf einen Stuhl. Hände und Beine wurden taub. Sie hörte Stimmen, sah Lichter. Eine Freundin schrie sie an: „Was habt ihr getrunken?“ Nicole Bock antwortete: „Champagner.“ Dann rutschte sie zu Boden.

[10 Uhr] Eine Zeugin, die letzte Woche nicht erschienen war, wird zwischengeschoben. Die 22-Jährige ist eine Auszubildende aus Weiden, die in der Tatnacht im „La Vita“ als Bedienung jobbte. Sie kann nicht viel Neues beitragen. Sie ließ sich damals relativ rasch von ihrem Vater abholen.

[9.40 Uhr] Verhandlung unterbrochen. Die nächste Zeugin wird ab 10 Uhr angehört, ist aber schon im Justizgebäude. Nicole Bock aus Weiden feierte damals mit der Clique den Fernsehauftritt von Markus G.

Videos zeigen Akt des Eingießens

[9.20 Uhr] Im Gericht werden vier Videos gezeigt, aufgenommen von dem Mechatroniker aus dem Bayerischen Wald. Sie zeigen, wie der Barkeeper den Korken der Doppel-Magnum aufschneidet und dreht. Daneben stehen schon pinke Acryl-Gläser bereit, in die der vermeintliche „Imperial Ice“ eingegossen wird. Anwalt Philip Müller wirft ein: „Da sieht man schon die dunkle Farbe.“

Weitere Videoschnipsel zeigen die Szene im Lokal. Über der Theke läuft der Fernseher mit der Dating-Show „Take me out“. Auf den Tischen stehen jede Menge Aperol-Spritz-Gläser. Kandidat Markus G. trinkt entspannt, im Hintergrund hört man eine Frau fröhlich johlen. 

So sieht „Moet & Chandon Ice Imperial“ aus: Der halbtrockene Champagner wird in blickdichten, weißen Flaschen verkauft. Foto: Christine Ascherl
In diese blickdichten Acryl-Gläser wurde der vermeintliche Champagner eingegossen. Foto: Screenshot Facebook

Guter Freund des Verstorbenen schildert Überlebenskampf

[9 Uhr] Vorsitzender Richter Peter Werner eröffnet die Sitzung. Erster Zeuge ist ein Mechatroniker aus dem Bayerischen Wald. Er ist seit 20 Jahren mit Markus G. befreundet, der damals seinen Take-me-out-Auftritt feiern wollte. Eine Woche vorher sei der Entschluss gefallen, im „La Vita“ zu feiern. Die Runde bestand aus guten Freunden, darunter dem verstorbenen Harry Z. und einigen befreundeten Frauen. „Wir saßen auf zwei Tische verteilt und haben getrunken.“ Er erinnert sich an drei, vier Aperol Spritz.

Kurz vor Mitternacht sei vom Barkeeper die Flasche geöffnet worden. Die Restaurantleiterin reichte die Gläser an die Gäste. „Und dann hat der Horror begonnen.“

„Man hat geschmeckt, dass da irgendwas drin ist. Aber man kann das ja nicht rückgängig machen, wenn getrunken hat. Auch Markus sagte: Da ist was drin.“ Er selbst sei sofort zur Toilette gelaufen und habe versucht, sich zu erbrechen, was nicht funktionierte.

Der Mechatroniker beschreibt die Wirkung der flüssigen MDMA-Base (Wirkstoff von Ecstasy): „Wenn man den Schluck nimmt, dann dauert das keine Sekunde. Und man ist in einer ganz anderen Welt. Man hört Stimmen. Man hat Wahnvorstellungen, hat einen Tunnelblick, sieht nicht mehr so.“ Er sei „schockiert und enttäuscht gewesen, dass uns jemand vergiften wollte“. Der ganze Körper habe begonnen zu zittern. „Ein ganz schlimmes Gefühl.“

Auch Markus G., der ihm zur Toilette nachkam, sei es „gar nicht gut“ gegangen. „Er hat geschrien, er hat gezittert.“ Er habe versucht, den Kumpel zu beruhigen. Dem Freund gelang es, sich ins Waschbecken zu übergeben. „Das hat ihm vielleicht das Leben gerettet.“ Auch Harry Z. kam in den Waschraum. „Er sagte: Was war das denn?“

Er habe damit gerechnet zu sterben, erzählt der Mechatroniker. Ein ihm Unbekannter habe ihn aus dem Waschraum in die Fußgängerzone ins Freie gebracht. Draußen sah er dann, wie sein Freund Harry auf einer Trage vorbeigetragen wurde. Er selbst wurde vom Sanka nach Tirschenreuth gefahren. „Wieso?“, fragt Richter Werner. „Das wüsste ich auch gern“, sagt der Zeuge. Dort habe es damals noch eine Intensivstation gegeben.

Seine Erinnerung setzt erst wieder am nächsten Morgen ein, als sein Vater und sein Bruder am Krankenbett saßen. „Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt überlebt habe.“ Der Mechatroniker blieb drei Tage im Krankenhaus. Auch er leidet heute noch an den Folgen: Er habe Wahnvorstellungen und könne nur drei, vier Stunden pro Nacht schlafen. Auch einen Tinnitus führt er auf die MDMA-Vergiftung zurück.

Dritter Prozesstag: Der Angeklagte bespricht sich mit Verteidiger Philip Müller, Verteidiger Stevens fehlt heute. Foto: Christine Ascherl

Prozessbeginn ist um 9 Uhr. Am heutigen dritten Prozesstag gegen den Niederländer Theo G. werden sechs Zeugen erwartet. Es handelt sich dabei um die Clique, die den Fernsehauftritt ihres Freundes Markus G. in der Sendung „Take me out“ feierte und die Drei-Liter-Flasche Champagner geordert hatte. Unter den heutigen Zeugen ist auch die am schwersten betroffene Geschädigte, die Weidener Krankenschwester Carola Potrz.

Der bisherige Verlauf des Verfahrens:

Bisher nahm der Angeklagte die Verhandlung recht gelassen, am ersten Tag hatte er sich als Party-Guy beschrieben. Der 46-Jährige ist ehemaliger Festival-Veranstalter, hat Kontakt zu den „Reichen und Schönen“ auf Ibiza und anderen Stränden der Welt. Drogen gehörten dazu, wie er freimütig einräumt. Verkauft habe er diese nie, aber „vermittelt“. Er streitet ab, dass die Flasche ihm gehört. Sie war Teil einer Charge von 20 ausgeleerten Moet-Imperial-Ice-Flaschen, in die MDMA-Base zum Drogenschmuggel gefüllt war. Theo G. sagt, er habe lediglich im gleichen Lager in Arnheim eine Box für sein Festival-Equipment gemietet gehabt. Zur Formulierung „sein Champagner“ sei es gekommen, weil er die Story von den geklauten Flaschen weitererzählt hatte.

Der Niederländer hat als Verteidiger zwei Münchner Anwälte: zum einen Philip Müller (Sohn von Schauspielerin Gisela Schneeberger), zum anderen True-Crime-Podcaster und TV-Anwalt Alexander Stevens. Die für sie interessanten Zeugen aus den Niederlanden werden im neuen Jahr erwartet, erstmals am 15. Januar. Ab Ende Januar werden auch die polizeilichen Zeugen befragt: Die Ermittlungen hatte das Zollfahndungsamt München (Dienstsitz Weiden) unter Regie der Staatsanwaltschaft Weiden in Kooperation mit niederländischen Ermittlern geführt. Bisher wurden die Gäste und Beschäftigten des Restaurants La Vita angehört. Sie schilderten eine Horror-Nacht.